Reutlinger Chronik

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Auf dieser Seite finden sie chronologisch die Ereignisse, die Reutlingen in den vergangenen Jahrhunderten bewegte. Die Seite wächst nach und nach. Ziel ist es, Reutlingens Geschichte bis zum heutigen Tage darzustellen. Zuerst werden die historischen, bereits vorhandenen Chroniken und Jahrbücher hier eingearbeitet.


Inhaltsverzeichnis

Reutlinger Chronica 1874-1900

Hinweise

I. Einleitung

Zwischen den Jahren 1874 bis 1900 verfasste Egmont Fehleisen eine Reutlinger Chronik, Chronica von Reutlingen genannt. Sie war die Fortsetzung der "Bames’schen Chronika" von Carl Bames. Nach Fehleisens Tod wurde die Chronica bis 1900 von Julie Häcker und Anna Schwäble fortgeführt. Alle wichtigen Ereignisse, Fakten zu städtischen Bewohnern, Feste, Ernteerträge, Entdeckungen und sonstigen Ereignisse wurden hier festgehalten. Man kann hier sogar die Geschichte finden, wie die Kartoffel nach Reutlingen kam. Die Chronik zeigt sehr gut und politisch weitgehend neutral die regionale Geschichte Reutlingens und seiner Umgebung auf. Zahlreiche Gedichte und kleinere Verse erweitern die Chronica zusätzlich.

Das Buch beginnt, etwas nach der Reichsgründung 1871, im Jahre 1874 mit der Wahl zum Deutschen Reichstag und endet 1900 mit der Streitfrage, wann das neue Jahrhundert denn beginne.


II. Zur inhaltlichen Wiedergabe

Der Text wurde soweit wie möglich original gelassen. Angepasst wurde die Rechtschreibung nach der heutigen Rechtschreibreform. Textauszüge, beispielsweise alte Gesetzestexte oder Gedichte, die auch schon in der Chronica ältere Rechtschreibungen aufweisen, wurden orthografisch so belassen.

Wo es nötig war sind erklärende Hinweise in runden Klammern gegeben, so dass diese Chronik auch von jungen Lesern lückenlos und zusammenhängend verstanden werden kann.

Folgt nach einem Artikel ein weiterer, thematisch dazu passender, ist kein neuer Absatz hinzugefügt, sondern ein Geviertstrich (—), der auf den kommenden Artikel hinweist.


III. Rechte und sonstige Hinweise

Laut UrhG (Urheberrechtsgesetz) verlieren Druckerzeugnisse, soweit sie nicht verlängert werden, binnen 70 Jahren ihr Urheberrecht.
(„Das Urheberrecht erlischt nach § 64 UrhG 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers.“) Dies ist bei der Chronica der Fall, so dass diese Inhalte problemlos verwendet werden können.

Die Originalausgabe ist in der Stadtbibliothek Reutlingen verfügbar.


Reutlinger Chronica

~ An den geneigten Leser. ~
Was seit 23 Jahren
Wicht'ges sich ereignet hat,
Steht in diesem Buch zu lesen,
Treulich meldet’s Blatt für Blatt;
Ob der Jahrgang gut gewesen,
Oder schlecht, Ihr findet’s hier:
Festjubel, Trauerklänge,
Alles, alles melden wir.
Mög' das Buch in jedem Hause
Freundlich aufgenommen sein,
Bei den Alten, bei den Jungen
Überall – bei Groß und Klein!

~ Vorwort ~
Jedermann, dem diese Chronik
In die Hände kommt, gegrüßt
Sei er mir, wenn er von Zeiten,
die vergangen, wieder liest,
Was der Kirchturm, unser alter,
In der Jahre Flucht erschaut,
Das sei hier, sei diesen Blättern
Zum Gedächtnis anvertraut;
Treulich tragen wir hier alles,
Ob es Regen, Sonnenschein
Hier in dieser Chronik Blättern,
Was passiert ist, alles ein.
Und so zieh hinaus du Buch denn,
Melde du bis heut'ge Zeit
Was die gute Stadt erlebte
In dem Fest- – im Werktagskleid;
Künde du in später'n Tagen,
Künde auch den Enkeln noch
Was sich hier hat zugetragen:
„Reutlingen für immer hoch!“


~ 1874 ~

Januar

Die auf den 10. Januar festgesetzte Wahl eines Abgeordneten zum Deutschen Reichstag entfachte einen heftigen Kampf der verschiedenen Parteien. Hie Gaupp! hie Payer! erscholl der Kampfruf; von den beiden Seiten regnete es Flugblätter; nach allen Richtungen sah man die Wahl-Chaisen (= eine zweisitzige Kutsche, die von Pferden gezogen wird) fahren, am Wahltag selbst siegte Kreisgerichtsrat Gaupp mit 7427 Stimmen über Payer, der 7016 Stimmen erhielt. — Die ebenfalls bevorstehende Bürgerausschusswahl, zu welcher unter anderen Kandidaten auch zwei hiesige Ärzte im Vorschlag waren, gab einem um das Wohl der Vaterstadt offenbar treu besorgten Bürger Veranlassung, in der Kreiszeitung darauf hinzuweisen, dass laut Verzeichnis des Mesners Lachenmann unter 500 im Jahre 1873 gestorbenen sich nicht weniger als 273 Kinder unter einem Jahr befunden hätten. „Wäre es da nicht besser,“ rief der besorgte Bürger aus, „wenn die Herren Ärzte, anstatt auf dem Rathaus zu sitzen, den Ursachen dieser ungeheuren Kindersterblichkeit nachforschten, resp. es als nächstliegende Aufgabe ihres Berufes ansehen würden? Wenn der Überschuss der Geburten über die Sterbefälle wie dieses Jahr bloß 11 beträgt, so brauchen wir die nächsten 50 Jahre weder eine Kleingraben- noch sonst eine Straße, sondern zuerst einen größeren Kirchhof (= Friedhof). Trotz dieses Kassandrarufes wurden die beiden Ärzte, es waren die Herren Finckh und Zeller, doch gewählt und auch die Kleingrabenstraße wurde, wenn auch erst später, erstellt. Diese Kindersterblichkeit war freilich eine große und betrug mehr als die Hälfte der Geborenen, trotzdem darf man die Gesundheitsverhältnisse in Reutlingen gute nennen, denn unter den 500 im Jahre 1873 gestorbenen Personen hatten 52 ein Alter zwischen 60 und 70, 28 ein solches [Alter] zwischen 70 und 80 und 14 ein Alter zwischen 80 und 90 Jahren erreicht. Dass die Stadt überhaupt nicht auszusterben drohte, bewies klar und deutlich der Umstand, dass im verflossenen Jahre 2297 Kinder die verschiedenen Schulen besuchten.

In dem benachbarten Eningen fand die Neuwahl eines Schultheißen (= Gemeindevorstehers) statt, bei welcher der bisherige Amtsverweser Herr Carl Sautter die meisten Stimmen, 550, auf sich vereinigte; dessen Wahl wurde von der Kreisregierung bestätigt.
Am Sonntag, den 11. Januar wurde in der Marienkirche die Opferbüchse mit ihrem nicht unerheblichen Inhalt von einem kleinen Mädchen gestohlen.

Am 20. Januar brannte die Ziegler'sche Wollspinnerei vollständig nieder. Als um 5 Uhr morgens das Feuerzeichen gegeben wurde, brannte der Hauptbau bereits lichterloh, an ein Löschen war nicht zu denken. Von Mobiliar konnte nur ganz wenig gerettet werden. Die Fabrik war auf dem Platze der ehemaligen Pulvermühle erbaut worden, welche im Jahre 1854 in die Luft geflogen war, und nicht wieder aufgebaut werden durfte. Tags drauf brannte es schon wieder, diesmal fiel eine mit Stroh ziemlich angefüllte Wagenremise (= „Karrenschuppen“) der Gustav Werner'schen Anstalt dem gefräßigen Elemente zum Raub, ein Teil der Wagen brannte bereits, als es gelang, sie herauszuziehen; die Schweine konnten noch rechtzeitig gerettet werden. Durch Niederreißen der Remise gelang es, einem weiteren Umsichgreifen des Feuers Einhalt zu tun, und so die in der nächsten Nähe stehende große Scheuer, welche bis obenan mit Futter und Stroh angefüllt war, zu retten.

Am 28. Januar wurde die Stelle eines städtischen Bauverwalters, um die sich nicht weniger als 28 Bewerber gefunden hatten, dem seitherigen Bierwirte Holoch übertragen.
Die Lehrergehalte mussten, entsprechend dem von den Landstädten verabschiedeten Gesetze, an den höheren und Volksschulen (= etwa Grundschulen) um ein Sechstel erhöht werden, soweit es sich um Mindestgehalt handelte und diese nicht in Naturalien (= Nahrungsmitteln) oder Güterertrag bestanden. Der Stadt erwuchs in Folge dessen eine Ausgabe von 3985 fl. (Gulden) 55 kr. (Kreuzern); 1286 fl. 45 kr. trug der Staat bei. Die Stadtschadenumlage wurde um 3500 fl. erhöht, und betrug nunmehr 31.500 Gulden.
Die um diese Zeit durchgeführte neue Münze, die Markwährung, gab anfänglich zu allen möglichen komischen Zwischenfällen Veranlassung, so meinte z. B. einmal eine alte Frau auf dem Wochenmarkte: „Mit dem neuen Geld hätte man auch noch warten können, bis die alten Leute gestorben gewesen wären!“

Februar

Am 9. Februar verunglückte im Bruderhaus der frühere Polizeisoldat Frank dadurch, dass er von der Transmission (= Rad) erfasst wurde, als er an dem Riemen seiner Maschine etwas machen wollte. Wäre die Transmission nicht ziemlich weit vom Plafond (= Zimmerdecke) entfernt gewesen, so war es um den Mann geschehen, so aber kam er, da auch das Triebwerk schleunigst abgestellt wurde, mit einigen zerbrochenen Rippen davon. – Bei den Neuwahlen des Offizierskorps der Feuerwehr wurde Baurat Güntter wieder zum Kommandanten gewählt, und nahm die Wahl, durch die der rechte Mann auf die rechte Stelle kam, zur großen Freude des Korps an.

Am 16. Februar hielt das Museum einen Maskenball im Kronprinzen, wobei neben anderem der Einzug des Schahs von Persien mit berittenem Gefolge in Krähwinkel zur Aufführung kam. Die Behörden und Zünfte der guten Stadt empfingen den Sohn der Sonne mit großem Jubel, und eine Extraausgabe der „Krähwinkler Staatszeitung“ wusste diesem freudigen Ereignis mit viel Humor Rechnung zu tragen. Tags darauf fand eine Ausfahrt nach Metzingen ins Hotel Sprandel statt, womit das Karnevalsvergnügen der Museumsgesellschaft seinen Abschluss fand.

In eine verzweifelte Lage geriet, allerdings lediglich durch eigene Schuld, in diesen Tagen ein hiesiger Bürger; derselbe kam vom Gries herauf und wollte den Echatz-Bahnübergang benützen, um in die Stadt zu gelangen, fand aber die Drahtzug-Barriere bereits geschlossen; in unbegreiflichem Leichtsinn suchte er gleichwohl, obschon der Zug bereits in Sicht war, noch über den Bahnkörper zu gelangen, er schlüpfte unter den Schranken durch, blieb aber mit einem Fuß zwischen den Schienen stecken. Umsonst waren alle verzweifelten Anstrengungen, los zu kommen, uns es wäre wohl um den Mann geschehen gewesen, wenn nicht zum Glück noch in den letzten Minuten der Lokomotivführer die grässliche Lage, in der sich der Unglückliche befand, bemerkt und Notsignale gegeben hätte. Natürlich wurden schleunigst sämtliche Bremsen des Zuges angezogen, und es gelang, denselben zum Stehen zubringen, als er noch 5 Schritte von dem Waghalse entfernt war. Diesem hatte inzwischen die Angst, von der Maschine erfasst und zermalmt zu werden, Riesenkräfte verliehen, er zerrte aus Leibeskräften, und brachte glücklich im letzten Augenblicke den Fuß los. Wenige Sekunden noch, und der Mann wäre verloren gewesen.

In der Plenar-Versammlung des landwirtschaftlichen Vereins am 24. Februar zeigte Herr Apotheker Dr. Koch, Chemiker der seit einiger Zeit durch energischen Fabrikanten Poeppel u.a. ins Leben gerufenen Reutlinger Zementfabrik Produkte derselben, Schieferbausteine, doppelt so groß als die bisher üblichen Backsteine vor; diese Steine fanden bald überall Anklang, und werden bis auf den heutigen Tag mit Vorliebe bei Bauten verwendet, sofern es sich nicht um Fassaden handelt, bei welchen, nachwievor, der Werkstein seinen ihm mit Recht gebührenden Platz behauptet. Auch der Wert des Posidonienschiefers als Düngungsmaterial wurde mit Recht betont und hervorgehoben, da derselbe sämtliche lösliche Pflanzennahrung enthalte, und namentlich dessen Gehalt an Kali ein sehr reichlicher sei. Bei Wiesen und in Weinbergen seien die günstigen Wirkungen der Schieferdüngung offenkundige, ebenso beim Klee. Diese Ausführungen erwiesen sich in der Praxis als durchaus richtig, während die gehegten Hoffnungen, den billigen Schiefer statt der verhältnismäßig viel teureren Stückkohlen als Brennmaterial für Dampfkessel-Feuerungen usw. verwerten zu können, sich nicht erfüllten; die Kosten für die Abfuhr der verbleibenden Rückstände waren im Vergleich zu der erhofften Ersparnis am Preise des Materials viel zu hoch, als dass eine allgemeine Verwendung und Benützung des Schiefers als Heizmaterial hätte erhofft werden können. Die Retorten (= Glaskolben) standen bald unbenützt, und von den damals erhofften Segnungen des Schieferbaus ging keine in Erfüllung. Vielleicht bleibt es einer späteren Generation vorbehalten, Württembergs und namentlich Reutlingens Reichtum an Schiefer fruchtbringend zu verwerten. Vor 25 Jahren hätte jeder die Idee verlacht, mittelst Gas Küchenherde und Zimmeröfen zu heizen, mit Gas zu kochen und zu backen, heute findet man es unbegreiflich, dass man nicht schon längst auf diese Verwendungsart gekommen; und auch der Schiefer wird, das sind wir fest überzeugt, noch im Haushalt wie in der Industrie, zu hohen Ehren kommen, wenn nur erst einmal der richtige Chemiker gekommen sein wird, der dieses Dornröschen der Industrie wach zu küssen versteht.

März

Sonntag, den 8. März während die Glocken der Marienkirche zum Nachmittagsgottesdienst die Gemeinde zusammenriefen, brach in der oberen Gerberstraße, in einem jener alten Häuser, die, es sind ihrer wenige genug, bei dem furchtbaren Brande von 1726 verschont geblieben waren, Feuer aus, das mit furchtbarer Schnelligkeit um sich griff; die Feuerwehr war dem wütenden Elemente gegenüber so gut wie machtlos, mit eiserner Zähigkeit hielt sie jedoch stand, bis um 9 Uhr abends wenigstens ein Teil der Mannschaft entlassen werden konnte. Erst am Montagfrüh um 6 Uhr rückte die letzte, auf dem Brandplatz verbliebene, 46 Mann starke Abteilung der Feuerwehr ein. Die beiden vom Feuer ergriffenen Häuser brannten vollständig aus, ein drittes, kleineres Haus wurde durch die einstürzende Giebelseite des Nachbarhauses vernichtet. Nicht weniger als neun Familien, von welchen zudem nur fünf versichert waren, wurden durch diesen Brand, der leicht die ganze Gerberstraße, dieses ohnehin so eng aneinander gebaute Stadtviertel hätte vernichten können, obdachlos.

Der den Nachmittagsgottesdienst abhaltende Geistliche teilte der erschienenen Gemeinde mit, dass in der Stadt ein Brand ausgebrochen sei, und entließ die Gemeinde, unter welcher sich leider auch ein räudiges (= schmutziges, unreines) Schaf befunden haben muss, denn bald zeigte es sich das, wie erst einige Zeit zuvor, die Opferbüchse samt Inhalt gestohlen worden war. Sie wurde einige Tage später in dem Abort (= Klosett) eines hiesigen Schlossermeisters, aber leer, gefunden.

Der Handels-Verein stellte an die königliche Regierung die Bitte, es möchte dem Stuttgart-Züricher Schnellzug ein Wagen 3. Klasse wie auf der Remstalbahn angehängt werden. Wie sehr die königliche Eisenbahndirektion sich bemüht und beeilt hat, solchen gewiss nicht übermütigen und frivolen (= ausschweifenden) Wünschen der Reutlinger nachzukommen, weiß jedes Kind! Liebevoll nahm man, statt den gewünschten Wagen 3. Klasse zu gewähren, gleich den ganzen Schnellzug weg und ließ ihn der Folge über Herrenberg laufen, das sich freilich weniger durch Industrie, Fleiß und Regsamkeit seiner Bevölkerung, als durch waschechten Pietismus auszeichnete.
Im März d.J. (= dieses Jahres) stellten die hiesigen Kanarienvögel-Züchter außer diesen ihren Lieblingen zum erstenmal auch Tauben und Hühner aus; die Ausstellung war eine durchaus gelungene zu nennen, und fand den lebhaftesten Beifall des Publikums.

Am 17. März hielt Prof. Dr. Jäger aus Stuttgart im Verein für Natur- und Altertumskunde einen Vortrag über die Darwin'sche Lehre, gegen den sich Dekan Kalchreuter in der Kreiszeitung in scharfer Weise wandte, und u.a. Prof. Jäger entgegenhielt: „Eine einzige Gebetserhörung wiege Tausend angebliche Beweise der Naturwissenschaft gegen das Wunder auf.“ Leider folgte der Verein für Natur- und Altertumskunde dem wohlgemeinten Rate des Herrn Dekans: „Nach dem Vorgange anderer derartiger Vereine sich auf Lokalforschungen zu legen, statt in hoher und dazuhin destruktiver ‚Wissenschaft‘ zu machen, womit der religiösen wie wissenschaftlichen Überzeugung Vieler - und nicht der der Schlechtesten - ins Gesicht geschlagen werde,“ nicht sondern hielt an dem, auch schon von Luther proklamierten und in Anspruch genommenen Recht der freien Forschung fest.

Der Landwirtschaftliche Verein erwarb sich ein großes Verdienst um den Obstbau dadurch, dass er 250 Bäume bestellte und solche zu dem billigen Preise von 30 Kreuzern per Stück an die Gemeinden Genkingen, Undingen, Willmandingen und Erpfingen lieferte, sie überdies (= extra) noch durch die in diesem Fache wohlerfahrenen Herren Pfenning und Weckler, durch Letzteren auch in den Gemeinden Groß- und Klein-Engstingen, Holzelfingen auf dem Lichtenstein und in Honau setzen ließ.

Mit dem wiederkehrenden Frühling trat auch die Frage der Verlängerung der Planie und der Erstellung neuer Spazierwege auf den Hegwiesen in den Vordergrund, wozu natürlich vor allem die Herstellung eines großen Wasserabzugsgrabens als notwendig sich erwies, um die bisher sumpfigen Hegwiesen in trockenes Gelände und Bauterrain verwandeln, eben damit den Gesundheitszustand der Stadt verbessern zu können und die Keller der an der Kleingrabenstraße bereits erstellten Häuser zu entwässern. So gut der Gedanke war, sollte er doch noch für einige Zeit ein frommer Wunsch bleiben, bis auch für ihn der Tag der Erfüllung kam.

April

Am 16. April feierte die „Gewerbliche Fortbildungsschule“ das Fest ihres 20-jährigen Bestehens; bei der abgehaltenen Schlussprüfung konnte Rektor Gugler vom königlichen Polytechnikum in Stuttgart, welcher die Schule und deren erzieherische Resultate von Staats wegen geprüft hatte, sein Urteil dahin abgeben, dass die Leistungen dieser Anstalt, ihr Organismus und die Fortschritte der Schüler in jeder Beziehung anzuerkennen seien. Reutlingen darf sich aber auch dessen rühmen, nie geknausert, und den Geldbeutel stets weit aufgemacht zu haben, wo immer es sich um das Interesse der Schule handelte. Fünfzehn Lehrer wirkten damals an der Anstalt, die bis auf den heutigen Tag segensreich zu wirken verstanden hat.

Zu dieser Zeit wütete in der ganzen Stadt Reutlingen ein Milchkrieg; die Konsumenten verlangten billigere Milch, die Produzenten behaupteten, „sie verdienen sowieso nichts, da sie ‚Kraftfutter‘ zu verwenden gezwungen seien.“ Der Milchkrieg endete, wie seiner Zeit der sogenannte Zwetschgenrummel, d. h. er ging aus wie das „Hornberger Schießen.“

Gegen Ende des Monats begann man in der Stadt bereits alle Vorkehrungen zu treffen, um dass Liederfest, welches nach den Jahren 1837 und 1852 nun zum dritten Male in den Tagen des 28. und 29. Juni in den Mauern Reutlingens abgehalten werden sollte, zu einem schönen und harmonischen Verlaufe zu bringen. Emsig, unermüdlich arbeiteten die Kommissionen; in den Kreisen der zu Festdamen erwählten Jungfrauen spielte die Toilette-Frage (= Kleidungsordnungen, Vorbereitungen...) die ausschlaggebende Rolle; im Schweiße ihres Angesichts rannten die damit Beauftragten bald dahin bald dorthin, für die Massenaufführungen die günstigsten Plätze aufzufinden, mit richtigem Verständnis wurde für die Hauptaufführung Reutlingens Kleinod (= Juwel), die herrliche Marienkirche gewählt, und dass all die Tausende, welche das Fest in Reutlingens Mauern zu führen versprach, neben den geistigen Genüssen, welche das deutsche Lied von jeher geboten, auch der körperlichen Erquickung und Labung (= Erholung) nicht entbehren würden, dafür bürgte die altbewährte, oft erprobte Gastfreundschaft der Reutlinger, die allem aufgeboten hatten, um wenigstens programmgemäß ihren Gästen frohe Stunden zu bereiten. Die Frauen-Arbeitsschule, diese Musteranstalt, um die wir mit Recht in ganz Deutschland beneidet werden, veranstaltete unter ihrem ebenso rührigen, als kunstverständigen Vorstande Lachenmaier eine Ausstellung ihrer Arbeiten; die gewerbliche Fortbildungsschule wollte nicht zurückstehen, Zeichnungen und Modelle ihrer Schüler sollten Kunde davon geben, dass nicht nur die Gerber meisterlich zu gerben, und die Reutlinger Färber bis auf unsre Zeit purpurrot zu färben verstanden haben, sondern jeder Handelszweig, jeder Gewerbebetrieb in der hiesigen Stadt floriert. Und wem es in den Austellungssälen zu eng werden mochte, dem öffnete gastlich unser Pomologisches Institut seine Tore und bewies sich, wie hoch entwickelt in Schwaben und namentlich bei uns an der Achalm und an ihrem Fuße die edle Baumzucht ist, kurzum: alles war bereit festlich die Gäste zu empfangen, viele tausend Hände regten sich im frohen muntern Bund, die Straßen der Stadt zu schmücken mit Maien, Girlanden und Blumengewinden; die Borstentiere, wie die Zweihüfer in der Stadt zitterten, hing doch über ihnen das Damoklesschwert erbarmungsloser Metzger (= Fleischer), die Müller konnten nicht Mehl genug, die Bäcker nicht genug Kimmicher, das bekannte Reutlinger Nationalgebäck, liefern, verlockend strömte aus den Häusern der würzige Duft köstlicher Pasteten, kurz alles war aufs Beste gerichtet, aber der Mensch denkt, und der Himmel sendet unendlichen Regen herab auf die reichgeschmückte Feststadt, doch davon [noch] später; als pflichtgetreuer Chronist müssen wir jedem Tage sein Recht gönnen, und dem, was an demselben passierte.

Am 26. April fand die zweite Konfirmation, und zwar von 61 Knaben und 70 Mädchen statt; Summa summarum in diesem Jahre 130 Knaben und 150 Mädchen. Während im Jahre 1869 am 18. April die Zahl der männlichen und weiblichen Konfirmanden vollständig gleich, nämlich 57 Knaben und 57 Mädchen gewesen war, betrug sie am 20. April 1873 nur noch 50 Knaben und 73 Mädchen.

Der Frühling hatte sich gut angelassen, Regen wechselte mit warmem Sonnenschein, eine Blütenpracht, wie man sie sich schöner nicht denken könnte, kam zur reichsten Entfaltung, mit Uhland konnte man, des Winters herzlich satt, ausrufen:
„Es blüht das fernste tiefste Tal,
Nun armes Herz vergiss die Qual
Nun muss sich alles, alles wenden!“
Und auch der Weinstock wollte nicht zurückstehen; in den Weinbergen bot sich dem Auge ein Blütenansatz, wie man ihn seit Jahren nicht mehr gesehen, hoffnungsfreudig durften unsere Weingärtner (= Winzer) in die Zukunft blicken, und nicht ihnen allein, auch dem Ackerbauer winkten der Ceres (= römische Göttin des Ackerbau) goldene Ähren in Hülle und Fülle, dem Baumgutbesitzer, sofern er seine Pflicht getan, und den Misteln, sowie anderen Baumschmarozern ernstlich zu Leibe gegangen war, eine reiche Obsternte, aber mit Besorgnis betrachtete man doch die Neigung zu schweren Gewittern, denen u.a. in Neuffen 3 Stück Vieh, [genauer] eine Kuh und zwei Stück Schmalvieh (= z.B. Schage, Ziegen) zum Opfer gefallen waren, während es noch rechtzeitig gelang, den ausgebrochenen Brand zu löschen. Das war am 24. April. Zwei Tage darauf war bereits ein gut Teil all dieser Hoffnungen vernichtet!

Drei Tage zuvor hatte man in dem reizend gelegenen [Metzingen-] Glems den letzten Veteranen des dortigen Bezirks, der sich rühmen konnte, den „russischen Feldzug anno 1812“ mitgemacht zu haben, zur Erde bestattet, und auch von hier war ihm von verschiedenen Persönlichkeiten das letzte Geleite gegeben worden. Obwohl zweimal durch Lanzenstiche der Kosaken, und durch einen Schuss in den Fuß verwundet, vermochte seine kräftige Natur selbst die Schrecknisse der russischen Gefangenschaft zu überwinden, bis er endlich in dem hohen Alter von 90 Jahren 3 Monaten und 16 Tagen zur „großen Armee“ einrückte.
Eine hocherfreuliche Neuerung brachte unsrer Stadt, eh' er schied, der April, nämlich den Beschluss der bürgerlichen Kollegien an der hiesigen Oberrealschule mit Beginn des Herbstes eine 9te Klasse unter einem weiteren Professor einzurichten; damit war die Möglichkeit gewährt, sich auch hier auf ein höheres technisches Studium vorzubereiten, ein Mangel, der sich bisher schwer bemerklich und fühlbar gemacht hatte.

Mai

Nichts weniger als freundlich, und unsrer guten Stadt wohlgesinnt, ließ sich der „Wonnemonat“ Mai an; was am Mittwoch und Donnerstag noch verschont geblieben war in den Baumgärten und Weinbergen, dem machte der Frost in der jenen beiden Tagen folgenden Nacht vom Samstag auf den Sonntag, vom 2. bis 3. Mai, ein jähes Ende. Schon am Abend hatte das Thermometer uns noch 2 Grad Wärme R. gezeigt, am Sonntagmorgen waren schon 3-4 Grad Kälte (= – 3-4 °C) zu verzeichnen, die Felder boten völlig das Bild einer Winterlandschaft, solch starker Reifen lagerte über ihnen. Und um das Unglück vollzumachen, brach die Sonne triumphierend aus den Wolken, die letzten Hoffnungen auf einen reichen Obst- und Weinsegen waren begraben! Wenn nun auch noch die Ernte ausfiel, wenn Hagelschlag sie vernichtete, was dann? Es waren wehmütige Gefühle, mit welchem man dem bevorstehenden Liederfeste entgegensah!
Eben erst war das Programm für dasselbe festgestellt worden, die Rennwiese in einen Festplatz verwandelt, an 638 Tafeln konnten 7656 Personen Platz finden, 340 Wirtschaften standen bereit, die Besucher vor dem schrecklichen Tode des Verhungerns oder den noch schrecklicheren des Verdurstens zu bewahren, und nun, eben in dem Augenblicke, da das Programm zu allgemeiner Zufriedenheit fertig gestellt worden, diese Kalamität (= Notlage), diese unglückselige Nacht! Zwar unsre Weingärtner, diese schon sooft und viel schwergeprüften Männer, die auch dem größten Unglücksschlag sich nicht rat- und tatlos beugen, verzagten nicht, die Alten unter ihnen hatten es verstanden, die Jungen mit dem Hinweis darauf wieder aufzurichten, dass es in den Jahren 1834, [18]35, [18]42, [18]42, [18]46, [18]56, [18]65 und [18]68 gerade so gewesen sei, und doch hätte gerade in diesen Jahren der Weinstock vorzügliches Gewächs geliefert. Das half, und getrost machte sich Alt und Jung aufs Neue an die schwere Arbeit.

Rüstig schritt inzwischen die Arbeit am Portale des Rathauses voran, die Steinhauer- und Bildhauerarbeiten gingen ihrer Vollendung entgegen, und wenn auch - wir sagen es leider, der Bau einer schönen, von dem damaligen genialen Stadtbaumeister Berner der jetzt als Baudirektor eine der höchsten Stellen im Lande einnimmt, projektierten Freitreppe, scheiterte, sie wäre eine Zierde nicht nur des Rathauses selbst, sondern der ganzen Stadt geworden, der Bau mit seinen schönen Formen darf sich mit Fug und Recht sehen lassen.

Weniger günstig sah es in Betreff der sanitären Verhältnisse der Stadt um jene Zeit aus; mit Fug und Recht wurde darauf hingewiesen, dass wenn der grimmigste Feind Europas, die asiatische Cholera (= Brechruhr), aus welcher Ursache immer hier ausbrechen oder eingeschleppt würde, sie in den überall noch zu findenden schmutzigen Winkeln, Aborten (= Klosetts) und stehenden Lachen (= Pfützen) ein Feld der Ausbreitung finden würde, aus welchem schweres Unheil für die Stadt entstehen müsste. Nur durch Einführung eines geordneten Systems und Anlage von Anzugskanälen, in welche die Wassersteine zu leiten wären, könne hier Abhilfe geschaffen werden. Die Cholera-Epidemie in Heilbronn müsste ein warnendes Beispiel sein, denn wenn die Seuche einmal in die Stadt eingedrungen [ist], dürfte es schwer sein, sie sobald wieder loszuwerden.

Durch die Umrechnung des seitherigen Gulden- und Kreuzerpreises der Eisenbahnbillete (= Eisenbahnfahrscheine) in Mark- und Pfennigwährung trat mit dem 1. Juni eine nicht unwesentliche, namentlich im Nahverkehr empfindliche Steigerung der Beträge statt. So kostete z. B. von diesem Tage an ein Billet nach Metzingen statt der seitherigen 9 Kreuzer deren 13, und nach Stuttgart statt bisher 1 Gulden 3 Kreuzer nunmehr 1 Gulden 10 Kreuzer. Der s.g. „Nahverkehr“ war es namentlich, der unter dieser Preiserhöhung zu leiden hatte.

Am 25. Mai tagte in den Mauern unsrer Stadt die 491. General-Versammlung der Württembergischen Weinbau-Verbesserungs-Gesellschaft im Saale des neuen Rathauses, in deren Verlauf der Vorstand, Professor Dr. Fraas aus Stuttgart, die interessante Mitteilung machte, dass der Weinbau Reutlingens älter sei, als derjenige Stuttgarts. Die Stuttgarter und Heilbronner hatten ihnen reich mit Medaillen und je einem silbernen Butten (= Fass) geschmückten Beschützer des Weinbaus, St. Urban mitgebracht, nur der hiesige Heilige, vulgo „das Rebenmändle“ entbehrte eines solchen Schmucks, und doch lässt es sich nicht leugnen, dass ein Weingärtner namentlich im Herbst ohne einen Butten eine schlechte Figur macht, wie vielmehr der Schutzpatron des Weinbaus selbst! Zwar Medaillen hat das „Rebenmändle“ genug, es sind ihrer nicht weniger als 48 Stück, von hiesigen Bürgern, Weingärtnern und Freunden des Weingärtnerbestandes gestiftet vom Jahre 1698 bis auf die neueste Zeit. Ehe es diese erhielt, war seine einzige Zierde eine silberne Happe (= ?) gewesen, gestiftet von Nicolaus Volz im Jahre 1645, eine goldene Münze mit dem Bildnis des Kurfürsten Johann von Sachsen, welche das Datum 25. Juni 1530 trägt, auf dem Revers (= Rückseite) stehen die Worte: „Confess. Luther. Aug. Exhibit. seculum“ mit dem Bilde des Kurfürsten Johann Georg von Sachsen und der Jahreszahl 1630, also eine Jubiläumsmedaille, die allein schon das Rebenmändle würdig an die Seite seiner Stuttgarter und Heilbronner Kollegen treten ließ, aber das Wichtigste, dem Winzer, dem Weingärtner unentbehrlichste, Butten und Haue (= ?), besaß das Reutlinger Rebenmändle nicht. Da fasste der jetzt hochbetagte frühere Stadtrat Samuel Votteler den hochherzigen Entschluss, dem Schutzpatron der Reutlinger Weingärtner einen Butten anzuschaffen, und zwar einen silbernen, den Deckel dazu stiftete dessen Ehegattin im Jahre 1877. Dieser Butten, dessen Deckel prächtig getriebenes Traubenlaub und herrliche Trauben zeigt, ist ein Meisterwerk zu nennen, und wenn wir zu all dem noch der silbernen Haue Erwähnung tun, welche von S. Trißler zum Löwen i.J. 1884 dem Rebenmändle verliehen wurde, so wird man sagen dürfen, dass in jetziger Zeit sich das „Rebenmändle“ von Reutlingen jedem Urban - und käme er selbst vom Rheine her - getrost an die Seite stellen kann. — Die Herren Conrad Weckler, Gottlob Aickelin, einer der sach- und fachkundigsten Weintreibenden unsrer guten Stadt, sowie Herr Pfenning, der von Reutlingen nie anders sprach, als dass es „am Fuße der Alb“ liege, hatten Proben der von ihnen gepflanzten Weine aufgestellt, und allgemein wurde deren Güte anerkannt. Dass sie es natürlich mit den von Herrn Victor Brunner „zur Probe“ aufgestellten 1868ger Clevner und Rieslingen[weinen] aus dessen Weinbergen bei Neckarsulm, am Scheurenberg usw. nicht aufnehmen konnten, darüber ist wohl kein Wort zu verlieren; Weine für welche per Flasche recht gern 3 M[ark] bezahlt werden, bietet uns weder die Achalm noch der Georgenberg, aber einen guten Trunk liefern doch alle beide, und namentlich in diesem Jahr, da wir unsre Chronik schreiben, hoffen wir, Ehre machen werden. — Wohl der wichtigste, leider nur allzuwenig beherzigte Vortrag auf dieser Versammlung war derjenige des Herrn Professors Zech in Stuttgart über die Witterungsverhältnisse Ende April bis Mitte Mai des Jahres; er verdient es, in der Chronik festgehalten zu werden, denn er ist ebenso interessant als lehrreich. Vielleicht werden künftige Geschlechter die große Tragweite dieser Ausführungen erkennen. „Wenn die Reben erfrieren, dann soll ich allemal sagen, woher das gekommen ist“, mit diesen Worten begann der Redner seinen Vortrag, in dessen Verlauf der darauf hinwies, dass ein rechtzeitiges Räuchern allein die Reben vor dem Erfrieren zu retten imstande sei. In der Pfalz habe man dieses Mittel mit Erfolg angewendet, denn das gefährlichste für den Weinstock sei und bleibe im Frühjahr die schnelle Einwirkung der Sonnenstrahlen auf die vom Reif erstarrten jungen Pflanzentriebe, und es diene eine über den Weinbergen sich lagernde dicke Rauchwolke, nicht nur als Schutz vor Reifen, sondern auch gegen den allzu schnellen Wechsel von Kälte und Wärme, und gegen die darauffolgenden nachteiligen Einflüsse.“ Es konnte nicht fehlen, dass dieser Vortrag großen Eindruck auf die Zuhörer machte und nachdem auch noch Gemeinderat Samuel Votteler, ein im Weinbau ergrauter Mann, erklärt hatte, er könne sich aus seiner Kinderzeit noch recht gut erinnern, dass man geräuchert habe, und zwar mit dem erwünschten Erfolge, war die Versammlung entschlossen, dieser Sache näher zu treten. Sie wurde in ihrem Entschluss noch bestärkt durch die Mitteilung des in Weinbausachen als Autorität anerkannten Professors Dr. Oscar Fraas von Stuttgart, dass früher der Nachtwächter, sobald er einen Frost oder vielmehr dessen Nahen bemerkt habe, verpflichtet gewesen sei alle Weingärtner zu wecken, resp. zu alarmieren, und dann sei alles, Groß und Klein, Jung und Alt hinausgezogen um zu räuchern. Dass dieses Räuchern einen großen Wert habe, bestätigte auch Brunner von Neckarsulm - schon weiter oben war die Rede von ihm - indem er auf Südtirol hinwies, wo dieses Verfahren die Reben vor den Frost zu schützen, längst gang und gäbe sei, und eine vollständige Organisation des Räucherns bestehe. An gewissen Stellen seien in Nächten, in welcher Gefahr drohe, Wächter aufgestellt, die den Thermometer zu beobachten haben. Sobald ein Frost zu befürchten sei, eilen sie in die Ortschaften, machen Mitteilung - oft durch reitende Boten - in benachbarte Orte, es werde Sturm geläutet und alles gehe an gewisse, vorher schon bestimmte Punkte, um zu räuchern. Der Erfolg habe gezeigt, dass Rauch ein wirksames Schutzmittel gegen den Frost sei.

Im Bezirk Reutlingen wurde im Mai d.J. zum ersten Mal ein Untergrundspflug in den Dienst der Landwirtschaft gestellt, und zwar durch Gärtner W. Rall; es erging ihm nicht anders, als es schon so vielen ergangen, die etwas neues, besseres eingeführt hatten, er wurde verlacht, verspottet, ja sogar bedauert, jedoch „der wackre Schwabe furcht sich nit, ging seines Weges Schritt für Schritt“, und siehe da, schon nach ganz kurzer Zeit waren all die ungläubigen Thomas (Hinweis auf Bibelgeschichte im N.T.) belehrt, die Saulus in einen Paulus verwandelt, nun kam mit einemmale der Untergrundpflug zu wohlverdienten Ehren.
Ein großes Unglück, das namenlosen Jammer über viele hiesige Familien hätte bringen können, wurde am Freitag, den 29. Mai noch glücklich abgewendet. Der Personenzug Nr. 70, welcher um halb neun Uhr morgens in Metzingen einzutreffen hatte, war von einer Klasse der hiesigen Mädchenschule zu einem Ausflug benützt worden. Unglücklicherweise brach, kaum 10 Minuten vom Metzinger Bahnhof entfernt, die Vorderachse eines Gepäckwagens, dessen Räder zwischen dem Geleis nachgeschleift wurden, wodurch dem dritten Wagen, eben dem mit den Schulmädchen besetzten, die Vorderräder weggerissen und gegen die Hinterräder geschoben wurden. Der Lokomotivführer verlor zum Glück die Geistesgegenwart nicht, und brachte den Zug auf der mehr als 50 Fuß hohen Ermsbrücke noch zum Stehen, freilich waren bereits die Maschine sowohl als mehrere Wagen entgleist, glücklicherweise ohne weitere schädliche Folgen. Es war geradezu wunderbar zu nennen, denn wäre die Maschine nur noch einen Meter weiter gekommen, so war der Wagen, in welchem die Mädchen saßen, verloren, so aber wurde er, dank seiner soliden Ankuppelung soweit noch auf dem Damm gehalten, dass er sich nicht in den Boden einbohren konnte, der ganze Zug würde sich sonst über ihm aufgetürmt und die darin sitzenden Kinder erdrückt haben. So kamen glücklicherweise alle in dem Wagen befindlichen mit dem bloßen Schreck davon, auch ein junger Mann, der in seiner Herzensangst zum Fenster hinausgesprungen war, kollerte (veraltet = kullerte) ohne irgendwelchen weiteren Schaden zu nehmen, den Bahndamm hinunter. Die Insassen der übrigen Personenwagen erfuhren erst durch die Kondukteure, welch großer Lebensgefahr sie glücklich entgangen waren, auch gelang es leicht, die Bahn wieder freizumachen.

Die Sonntagsfeier, die inzwischen längst Gesetz geworden ist, gab im Jahre 1874 zu mancherlei Kontroversen in den öffentlichen Blättern Anlass; es wurde darauf hingewiesen, dass ja auch die Natur im Ganzen ihre Ruhepausen habe, und dass der Mensch auch solcher bedürfe, es werde genügen, wenn man sonntags die Läden nur von 11 bis 2 Uhr mittags öffne. Es blieb natürlich zunächst ein frommer Wunsch, die Konkurrenz kam eben in erster und ausschlaggebender Weise ins Spiel, nur wenige Geschäftsleute folgten der gegebenen Anregung.

Juni

Der Stand der Weinberge ließ zu Anfang des Juni wenig zu wünschen übrig, der Mai hatte sich bemüht, seine Sünden, deren er sich anfänglich schuldig gemacht, vor seinem Scheiden wiedergutzumachen und der Juni tat von Anfang an das Seinige. Felder im üppigsten Grün prangend, Wiesen mit duftenden Blumen und Kräutern, aus denen das emsige (= eifrige, aktive) Bienenvolk süßen Honigseim sammelte, prachtvoll blühende Spätapfelbäume und in den Weinbergen schöne Ansätze, die wenigstens einen teilweisen Ersatz dessen, was leider erfroren war, zu geben versprachen, all das ließ die Weingärtner (= Winzer) doch noch, trotz alledem und alledem auf einen richtigen Herbst hoffen.

Näher und immer näher rückte inzwischen das Liederfest heran, und die Kommissionen bekamen vollauf zutun. Mehr als 80 Vereine mit über 2400 Sängern hatten sich, die „Harmonie“ von Zürich allein mit etlich[en] 70 Sängern, angemeldet, am Preisgesang wollten sich nicht weniger als 38 Vereine (10 ländliche, 10 kleinstädtische und 8 großstädtische) beteiligen und weitere Anmeldungen konnte jeder Tag bringen, soviel war sicher und stand fest, von allen Seiten würden die Gäste herbeiströmen, und das Fest versprach ein glänzendes zu werden, auch dem Durste war mit 33 Bierwirtschaften, 4 Wirtschaften für gewöhnliche, 3 für feinere Weine und durch eine Konditorei, deren Schnäpse und Liköre sich eines wohlverdienten Rufes erfreuen durften, ein gehöriger Riegel vorgeschoben, es konnte nicht fehlen, das Fest musste ein herrliches werden, zumal die Vorfeier (= etwa Probe) im Lammgarten, bei welcher der Liederkranz, Sängerkranz, Männergesangsverein, Leseverein, Arbeiterbildungsverein, Weingärtnerliederkranz und Mädchengesangsverein mitgewirkt hatten, einen durchschlagenden Erfolg aufweisen konnte. So glaubte, so hoffte man - es kam anders.

An der Kammerz (= ?) des Weingärtners Georg Mössinger bei der Webschule waren am 11. Juni bereits blühende Trauben zu sehen, kein Wunder, wenn sich die Hoffnung unserer Weingärtner auf ein gutes Weinjahr und einen richtigen Tropfen von Tag zu Tag bestärkten. Leider kam, bald genug, der hinkende Bote nach, ein starker Reifen richtete nicht nur an Kartoffeln und Bohnen empfindlichen Schaden an, auch die Weinberge wurden stark mitgenommen, wenn auch die drohende Gefahr, die Fluren (= Äcker) vom Hagel verwüstet zu sehen, zweimal glücklich an unser Saat vorüberging.

Das nahe, idyllisch gelegene, mit Reutlingen eng verwachsene Honau, von wo aus sich der Lichtenstein in seiner ganzen Schönheit betrachten lässt, entwickelt im Sommer durch seinen Krautmarkt auch ein gutes Stück Realismus, wird doch dort der Krautmarkt abgehalten, zu dem die Krautliebhaber auf viele Stunden im Umkreise herbeiströmen, die trefflichen Setzlinge einzukaufen. In Zeit von wenigen Tagen fließen in den kleinen Ort zwischen 5000 und 7000 Mark für dieses edle Kraut. Und damit über dem Gelderwerb und der Prosa auch die Poesie nicht zu kurz komme, richtete der rührige unternehmungslustige Werkmeister Heid eine Badeanstalt ein in welcher der frischer Luft und erquickender Bäder bedürftigen Menschheit Gelegenheit geboten wurde, erstere in ozonreichem Waldrevier zu schnappen und letztere in der Form von Kalt- und Warmbädern von Kiefernadeln-, Sturz und Duschbädern zu benützen. Wer selbst nicht so tüchtig zu Fuße war um die steilen Hänge des Felsentals zu erklimmen, dem standen wohlerzogene, langgehorte Grauschimmel, deren in der Zoologie begründeten Namen sich die Menschen leider im Leben gegenseitig oft und viel zuzurufen pflegen (‚Esel‘), jederzeit zu Diensten, nur hatte der Reiter oder die Reiterin stets mit dem Eigensinn dieser Tiere zu rechnen. Weniger war bei den Wasserfahrten auf der wundervollen, klaren Echatz, die von munteren Forellen belebt ist, zu riskieren und nachdem erst einmal die Residenz Stuttgart ein Kontingent von einem wohlgezählten Dutzend Badegästen geliefert hatte, durfte an der Aufnahme Honaus in die Reihen der Bäder und Sommerfrischen länger nicht mehr gezweifelt werden, zumal eine zweimalige Postverbindung zwischen Reutlingen und Honau eingerichtet worden war. Der Antrag war gemacht und der Erfolg ist nicht ausgeblieben.

Auf das nahe, bevorstehende Liederfest veranstalteten die Oberrealschule, die gewerbliche Fortbildungsschule, die Frauen- und die Webschule eine treffliche und wirklich gediegen zu nennende Ausstellung im großen Rathaussaal, die beredtes (= aufschlussreiches) Zeugnis dafür ablegte, dass man in Reutlingen nicht nur Feste zu feiern, sondern auch in reger fleißiger Arbeit sich auszuzeichnen versteht. Namentlich die Frauenarbeitsschule, von jeher das Schoßkind der Reutlinger, zeichnete sich ganz besonders durch das von ihr gebotene aus und zeigte auch hier wieder, dass sie in Wirklichkeit ist, was sie sein soll und wozu sie ins Leben gerufen wurde - eine Musteranstalt für das ganze Land.

Das Liederfest, das großartig zu werden versprochen hatte, wurde leider durch die Ungunst der Witterung ungemein gestört, wie wir schon weiter oben bemerkten, aber ganz die Festesfreude zu rauben, vermochte das Regenwetter doch nicht, obwohl es den Anschein hatte, als ob sich nicht nur alle Regenschirme Württembergs, sondern auch solche aus Baden, Hohenzollern und der Schweiz in Reutlingen ein Stelldichein gegeben hätten. Die Züricher Harmonie war 105 Mann stark erschienen und wusste sich im Sturm die Herzen der Reutlinger zu erobern, mit Alpenröslein an dem durch ein blau und weiß gestreiftes Band verzierten Strohhute waren die Schweizer sofort erkenntlich und wohin sie kamen, der Gegenstand stürmischer Ovationen, die durch den herabströmenden Regen nicht beeinträchtigt wurden, man schloss sich nur umso enger aneinander an und rückte traulicher zusammen. Der Festzug misslang leider, es goss wie mit Kübeln, aus dem Spitalhofe mussten sich die wettsingenden Vereine in die Turnhalle flüchten, aber was konnte der Raum dort für so Viele bieten? Die übrigen Vereine rückten in ihre Quartiere ab, es blieb nichts anderes übrig. Die Preisverteilung konnte aber schließlich doch unter freiem Himmel um 4 Uhr vor dem Rathause vorgenommen werden, und höchst erfreulich war es, dabei aus dem Munde des Vorstandes des Schwäbischen Sängerbundes Dr. Elben aus Stuttgart zu vernehmen, dass die Gesangsaufführung in der Kirche als eine der Besten zu bezeichnen sei, die seit vielen Jahren stattgefunden habe, und dass namentlich die wettsingenden Vereine bei weitem mehr als früher geleistet hätten. Großartig war auch der Eindruck und die Wirkung gewesen, welche die Züricher Harmonie mit ihrem „Normannenzug“ erzielte, schade dass sie nach den Satzungen des Bundes nicht als Preisbewerber auftreten konnte, der erste Preis wäre diesem vorzüglich geschulten, über prächtige Stimmen verfügenden Vereine sicher gewesen, so musste man sich darauf beschränken, ihnen den von den hiesigen Ehrendamen gestifteten silbernen Pokal und ein vom hiesigen Museum gestiftetes Album von Reutlingen und Umgegend (= Umgebung) nebst Abbildungen von [[Betzinger Trachten[[ zum Andenken zu überreichen. Der von der Züricher Harmonie gestiftete Pokal ging in das Eigentum der hiesigen Stadt über, mit der Bestimmung, bei festlichen Anlässen den hiesigen Sängergesellschaften zur Verfügung gestellt zu werden. Als Preisrichter fungierten (= traten auf): Helfer Köstelin aus Sulz, Musikdirektor Seiz von hier und Musikdirektor Speidel aus Stuttgart; ferner durch weitere Wahl die Musikdirektoren Weber aus Bern und Weber aus Nürtingen. Erst um 8 Uhr abends fand das Wettsingen seinen Abschluss. Inzwischen waren auch die neuen Fahnen dreier hiesiger Gesangsvereine eingeweiht und gleichzeitig auch eingeweicht worden, nämlich diejenigen vom Männergesangsverein, dessen Gründung in das Jahr 1833 fällt, des Sängerkranzes, der im Jahre 1835, und des Arbeiterbildungsvereins, der im Jahre 1863 gegründet worden war. Es wird als eine Seltenheit bezeichnet werden dürfen, dass drei Vereine einer Stadt gleichzeitig ihre Fahnenweihe halten können und erhöht wurde die Festfreude noch durch die treffliche Rede des Herrn Oberbürgermeisters Benz, damals noch Stadtschultheiß, der auf die Wichtigkeit der Pflege edlen Gesanges, den sich die Vereine zur Aufgabe gemacht [haben], hinwies. Nachdem auch noch die drei Vereinsvorstände, die Herren Gottl[ob], Aickelin, Faigle und Straub gesprochen hatten, war dieser Teil des Festprogramms zu Ende. Reichen, allseitigen Beifall fanden die von Fräulein Bihler erstellten neuen Banner. Leider aber ließ der Regen nicht nach, und wo man in der Stadt, in welchen Straßen [man auch] immer hinblicken mochte, nirgends ein ander[es] Bild als Regenschirme und immer wieder Regenschirme; es gehörte schon ein gut[er] Teil Humor, Enthusiasmus und Energie dazu, unter solchen Umständen den Mut nicht zu verlieren und am Feste zu verzweifeln. Als aber dann in der Marienkirche die herrlichen Chöre der Sänger, einheimischer und auswärtiger erklangen, als es durch die Hallen des Gotteshauses klang: „Die Herrlichkeit des Herrn“, als die Kirche widerhallte von dem Sang: „Herr, dir ist niemand zu vergleichen“, da war all die Ungunst der Witterung vergessen, hier war eitel Sonnenschein, andächtig lauschte die Menge dem herrlichen Chore Glucks: „Leih aus deines Himmel Höhen“, und Speidels: „Dich halt ich treu mein Vaterland“. Als nun auch noch die Züricher Harmonie das Lied: „Normannenzug“ wiederholte, da stieg die Feststimmung auf ihren Gipfel und sie hielt an, trotz des schändlichen Wetters und der Mittag sah auf der Rennwiese ein Geschlecht, das dem Regen energisch und mit Erfolg Trotz zu bieten verstand. — Auch der Lichtenstein wurde am Dienstag, wie die sagenumwogende Nebelhöhle, von gar vielen besucht, die sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten, an Ort und Stelle all die prächtigen Gestalten, wie sie uns Hauff geschildert, nochmals am Geistesauge vorüberziehen zu lassen und auch diese kehrten hochbefriedigt in die alte Reichsstadt zurück. Dass eine nochmalige Nachfeier arrangiert wurde, ist erklärlich, dann aber hatten die Liederfesttage ein Ende. Nicht versagen aber kann sich der Chronist, noch den Trinkspruch in diesen Spalten für immer festzuhalten, den der Chronika-Schreiber des Stuttgarter Liederkranzes am 29. Juni auf die Züricher Harmonie ausbrachte, er lautete:

Nur zwei Worte darf ich sagen,
Und das Auge strahlt im Glanz,
Und die Herzen freud'ger strahlen:
Harmonie und Liederkranz!

Harmonia’s wackre Glieder
In der Freiheit schönem Land,
Wie des Liederkranzes Brüder
An des Neckars blüh'ndem Strand.

Fest verbunden durch die Töne,
Lied und Freundschaft fort und fort,
Eint uns ewig alles Schöne
Und es trennt uns nur der Oer

Ihr bei uns – in Eurer Mitte
Wir – in Stadt, auf See und Höhn –
Folgt uns Lieb auf Schritt und Tritte –
Schönres hat man nie geseh'n

Und so finden wir uns wieder,
In dem heitern, bunten Reih'n
Und es soll beim Kranz der Lieder
Alte Lieb erneuert sein. –

Hier im lieben Reutelingen
An der Achalm schönem Fuß
Sei bei Klang und Gläserklingen
Euch gebracht der Bruderkuss!

Aus den Wolken muss es fallen,
Aus der Götter Schoß das Glück;
Hoch herab die Fahnen wallen,
Doch es lacht kein Sonnenblick.

Strömt der Regen in die Traufe (= Regenrinne)
Gestern, heute, Stund' um Stund'
Freunde, seht, das ist die Taufe
für den Schweizer-Schwabenbund.

Und so wahren wir Euch allen
Volle Herzenssympathie –
Lasst ein dreifach Hoch erschallen,
Liederkranz und Harmonie!

Ein charakteristisches Stücklein für den allzeit guten Humor der Reutlinger dürfte hier auch noch seinen Platz finden. Bei der allgemeinen Dekorierung der Stadt auf das Liederfest hatten zwei Hausbesitzer am oberen Bollwerk ihre Häuser durch eine Girlande verbunden, an welcher eine alte Stalllaterne hing, welche die Überschrift trug: „Oberes Bollwerk“ - „Brillante Gasbeleuchtung“ – Das Mittel half und schon nach kurzer Zeit sahen sich die Bollwerksbewohner im Besitz einer hell strahlenden Gaslaterne, die freilich mit der Zeit einmal einer elektrischen Glühlampe wird Platz machen müssen.
Einiger weiterer Inschriften möchten wir hier auch noch Erwähnung tun, sie werden in Manchem wieder Erinnerung an jene Tage wachrufen. So stand zu lesen am

Tübingertor
innen: Es schwinden jedes Kummers Falten,
So lang des Liedes Zauber walten.
außen: Nur fröhliche Leute, die lassen wir heute
zum Tore herein.

Gartentor
innen: Lebens-Sonnenschein,
Ist Singen und Fröhlich sein.
außen: Aus dem Liede tönt,
Was das Leben krönt.

An der Fest-Tribüne
vorne: Hier teilt die Muse manche Gabe,
Dem Früchte, jenem Blumen aus.
oben: Lieb und Gesang, kennt keinen Zwang.
hinten: Ein lustig Lied, macht ein fröhlich' Gemüt
Soll erfreuen uns der Wein,
Muss dabei gesungen sein.

Am Festplatz-Eingang
auf der Vorderseite: Die Macht des Liedes, der Zauber der Töne,
Vereint in Liebe Germania’s Söhne.
auf der Rückseite: Im Lied vereint mit Herz und Hand
Steht alle treu zum Vaterland!

Am Spitalhof
außen: Herz und Lied frisch, frei, gesund
Wahr' dir’s Gott du Sängerbund!
innen: Wirke Gutes, du nährst der Menschheit göttliche Pflanze
Bilde Schönes, du streust Keime des Göttlichen aus.

Am Bahnhof
auf der Vorderseite: Festlich empfängt euch die Stadt mit Kränzen und Flaggen,
Und den Sängern erschallt herzlich ein donnerndes Hoch!
auf der Rückseite: O grüne fort und blühe lang,
Du edler, deutscher Männersang.
auf der Rückseite: Den Sängern, die deutscher Geist durchdringt,
Aus deren goldenem Lied die Freiheit klingt.
auf der Vorderseite: Gemeinsam Lied macht einig, frei und stark,
Und schreckt den Feind der Wahrheit bis ins Mark.
auf der Vorderseite: Harmonie und Eintrachtsstreben
Rief den Sängerbund ins Leben.
auf der Rückseite: Wahret sie beide! Ihre Kraft
Hat die Einheit uns verschafft.

Am 3. Juli stürzte der Maurer Werner vom Dache des hiesigen Kameralamtes (heute: Finanzamtes) und brach sich den Arm.
Die Frauenarbeitsschule hatte aus Anlass des Liederfestes ein wertvolles auf Seide gesticktes Banner gestiftet, welches dem Rottenburger Liederkranz neben seinem Preis zuteil wurde. Wie sehr das Werk der Frauenarbeitsschule den Beifall der glücklichen Sieger fand, geht aus dem Rottenburger Liederkranz an die Frauenarbeitsschule gerichteten Schreiben hervor, das folgendermaßen lautete: „Hochverehrteste! Jetzt erst, nachdem wir mit Muße Ihrer Hände Werk betrachten, finden wir, welch großer Aufwand und Zeit, Fleiß und Anstrengung und welch kunstgeübten Hände erfordert wurden, um diese schöne, wertvolle Arbeit zustande zu bringen. Jetzt erst wird uns klar, welch herrliche Beigabe unsern ersten Preis noch schmücken darf. Wir sehen uns daher veranlasst, allen, welche zur Herstellung dieser Ehrengabe ihre Kraft eingesetzt haben, unsere Anerkennung, unsern innigsten Dank hiermit auszusprechen. Als ein herrliches Andenken an das Reutlinger Liederfest wollen wir es stets in Ehren halten und es treu bewahren. Genehmigen Sie die Versicherung unserer Hochachtung. Im Namen des Rottenburger Liederkranzes. Rottenburg, den 3. Juli 1874. Der Gesellschaftsvorstand: Gustav Holzherr; der Gesangsdirektor: Winghofer; der Gesellschaftskassier: Stier.
Es war überhaupt ein bewegtes Leben und Treiben in diesem Monat, auf der Erde und am Himmel.

Zu Anfang Juli erschien plötzlich, allerdings nicht unerwartet, denn die Astronomen hatten schon zwei Monate vorher sein Kommen angekündigt, ein prächtiger Komet, der sich am nördlichen Himmel in seiner ganzen Schönheit zeigte. Freilich sahen auch jetzt abergläubische Gemüter in dem Erscheinen dieses Wandelsterns den Vorboten von Krieg und Pestilenz, von Hunger und teuren Zeiten. — Die Schwarzwälder Kreiszeitung gab damals diesem Volksempfinden in folgenden Versen Ausdruck, die sie einem Betzinger Bauern in den Mund legte:

„Hänt er den feurige Stern au scho gseha?
Nächt stoht er plötzlich am Firmament (= Sternenhimmel)
Über’m Kirchturm grad ist er gwea,
Wie mer en vor aus gseha hent.

Ist do der Schrecka in mi nei g’fahra,
Immer bedeutet’s was, a sottiger Stern –
I g’hör net zu de abergläubische Narra,
Aber mer siehts eba a mol net gern.

Immer hot’s Unglück no beditta,
Denkt üch no der von anno Elf!?
Bald darauf ist der Napoleon Russland zu g’ritta,
D’Arme hent g’fressa die russische Wölf.

Anno Neunafufzig ist der Krieg in Italie gwea;
Allemol hot der Komet ebbes bracht –
Pest und Krieg oder Mißwachs hots gea –
Allemol ist dös a g’fährliche Pracht.

B’sehnt an, do stoht er unterm Waga
Steckt an Schweif übersche wie a Rut’,
Als wöllt unser Herrgot d’erde mit schlaga
Für äll des Übels, dös d’Menschheit tut.

Ja, i sag’s frei raus, 's muss wieder was komma
Der Stolz ischt z’groß und der Übermut,
s’gottlos Wesa hot überhand gnomma
D’Menscha brauchet wieder a mol d’Rut!

Dös ist a Zoiche am Himmel ufgstecket,
Manna, betrachtets, bedenkets dahoi,
Wenn Einer da Arm mit dem Stecka ausstrecket,
No hats in der Regel net weit zu de Stroi! (= Streiche)

Es trat jedoch weder Hungersnot, teure Zeit noch Krieg und Pestilenz ein, denn der Juli blieb schön und war heiß mit öfteren Regen bei Nacht. Bei solch günstiger Witterung reiften die Früchte rasch, die Ernte, die gleich nach Jakobi begann wurde gut eingebracht und lieferte einen reichen Ertrag. Auch das Obst war in diesem Jahre von ausgezeichneter Qualität und dabei sehr billig, für den Sack wurde nicht mehr als 3 fl. (Gulden) 12 kr. (Kreuzer) bezahlt. Da die Witterung durch den Herbst über stets ungemein günstig blieb, ließ man die Trauben bis Ende Oktober am Stock hängen; in den niederen Lagen gab es nicht viel Wein, in den höheren dagegen soviel als das Jahr zuvor. Der Durchschnittsertrag war etwa 1/3 – 1/2 Herbst. Der Wein oder wie der amtliche Ausdruck lautet: „Most“, wog zwischen 72 und 95 Grad, der für denselben bezahlte Preis betrug zwischen 70 und 80 Gulden per Eimer. Dazu hatte der Juli das seinige redlich beigetragen, denn am 3 d.M. (= dieses Monats) stieg die Hitze mittags im Schatten auf 26 Grad, was für die auf dem Felde und in den Weinbergen Arbeitenden keine Kleinigkeit war; der ledige etwa 36 Jahre alte Bauer Johs. Wörz von Holzelfingen wurde denn auch beim Heuladen vom Sonnenstich befallen und starb wenige Stunden später.

Die Vieh- und Fleischpreise schlugen in diesem Monat um ein Bedeutendes ab, auch die Milch wurde billiger und für das Liter nur noch 5 kr. bezahlt.

Am Mittwoch, den 8 Juli mittags gegen 11 Uhr bemerkten die Anwohner der Weingärtnerkelter (= Weinpresse), dass aus derselben dichter Rauch aufstieg. Man forschte sofort nach, wobei es sich herausstellte, dass eine der dort stehenden Bütten (= Zuber) in hellen Flammen stand, es gelang jedoch, in verhältnismäßig kurzer Zeit den Brand zu löschen.

In ihrer Sitzung vom 11. Juli erhöhten die bürgerlichen Kollegien die Besoldungen der städtischen Beamten, wie dies zuvor schon bei den Lehrern der hiesigen Lehranstalten der Fall gewesen war, durchschnittlich um 1/6.

In diesem Monat wurde auf dem Kirchhofe das von „dankbaren Schülern und Freunden dem treuen Lehrer“ gewidmete Denkmal für den leider all zu früh, am 12. Dez. 1872 verstorbenen Rektor Furch aufgestellt. Das Denkmal ist bei aller Einfachheit ein den Meister, Bildhauer Launer, lobendes das sich so vielen anderen gegenüber auch noch dadurch auszeichnete, dass der Voranschlag für dasselbe nicht nur nicht überschritten wurde, sondern noch ein Überschuss von 200 fl. in der Kasse verblieb, der dazu bestimmt wurde, dass dessen Zinse jährlich, als s.g. „Furchstiftung“ zur Prämiierung einiger fleißiger, talentvoller und zugleich unbemittelter Schüler, vorzugsweise der Realanstalt und der Fortbildungsschule verwendet werden sollten. So bleibt der Name des trefflichen, unvergesslichen Lehrers für alle Zeiten mit der hiesigen Realanstalt verbunden.

Elementarlehrer Schlegel, dem bewährten und von der ganzen Reutlinger Jugend hochverehrten Lehrer so vieler ABC-Schützen wurde vom König der Titel eines Oberlehrers verliehen.

Baurat Güntter, welcher die in der Nacht vom 25. auf 26. Mai 1872 in der Stadt Rottenburg durch Hochwasser zerstörten und fortgerissenen Brücken durch eine schöne, eiserne Brücke im Auftrag des Staates, dem die Baulast obliegt, ersetzt hatte, wurde von der Stadt Rottenburg durch Überreichung eines schönen silbernen Pokals geehrt.

Der Monat Juli brachte auch das allerdings still und unbemerkt vorrübergegangene Jubiläum des Einzugs der Kartoffeln in Reutlingen. Es war im Jahr 1774, als der Reutlinger Apotheker Efferenn, ein großer Gartenliebhaber, eine neue Gartenpflanze aus Holland erhielt, so erzählt die Chronik aus damaliger Zeit deren Blüte ihm außerordentlich gefallen hatte und von deren Frucht ihm bekannt war, dass man solche essen könne. Nachdem sich aus der Blüte der neuen Pflanze Samenknollen gebildet hatten, lud er seine Freunde ein um das Gewächs zu versuchen, aber keinem wollte die Speise munden. Beim Ausreißen der Pflanzen hatte sich gezeigt, dass auch in der Erde Knollen gewachsen waren und Efferenn ließ dieselben schaben (= schälen, pellen), zerschneiden und mit Essig und Öl servieren, aber wiederum schmeckte das Gericht niemanden. Da war nun beim Schaben der Knollen eine derselben in das Feuer gefallen, sprang nach einiger Zeit auf, verbreitete einen angenehmen Geruch und erwies sich als genießbar und wohlschmeckend. Aber immer noch fand die Sache keinen Anklang. Nach einiger Zeit kam nun ein Musterreiter, wie dazumal die Geschäftsreisenden hießen zu Efferenn, der ihm seine Erlebnisse und gemachten Erfahrungen mit dieser Frucht erzählte. Dem Reisenden war die Frucht und deren Zubereitung nicht unbekannt, er ließ den Apotheker die Frucht sieden, und nunmehr schmeckte dieselbe allen trefflich. Freilich brach sich die Kartoffel nur langsam Bahn, aber die Zeit blieb nicht aus, wo sie in ihrem ganzen Werte für die Volksernährung erkannt wurde.

In der Presse wurden Stimmen laut, welche die Einführung des Turnens auch für die Volksschulen forderten, weil gerade die Schüler der Volksschule den meisten Nutzen aus dem Turnen ziehen würden, da sie, meistens später im gewerblichen Leben tätig, ihre durch das Turnen gewonnene körperliche Ausbildung fortwährend verwenden können.

Mit Freuden wurde es in der Stadt begrüßt, dass vom 1. Aug. an eine viermalige Bahnverbindung über Hechingen auf der neuerbauten Bahnstrecke bis Balingen ermöglicht werden sollte.

Die Ernte, welche sowohl hier, als in den Talorten schon am 31. Juli zum großen Teil ihren Anfang genommen hatte, fiel ganz brillant aus und selbst die bekannten „ältesten Leute“ vermochten sich keiner besseren zu erinnern. Auch die Kartoffeläcker versprachen reichen Ertrag, der für die ärmere Klasse der Bevölkerung von großer Wichtigkeit und ein erwünschter Segen war. Das Öhmd blieb in der Fülle hinter der Heuernte nicht zurück und die Milchlieferanten aus der Umgegend (= Umgebung) konnten sich einem Preisabschlag ihres Produkts, wenn derselbe auch nur 1 kr. (= 1 Kreuzer) also 3 Pfg. p[ro] Liter betrug nicht entziehen. Obst gab es in Hülle und Fülle, und von einer Beifuhr auswärtigen Obstes, wie wir das so oft schon erlebt haben, war in diesem Jahre keine Rede. Namentlich die Apfelbäume hatten reichlich getragen, in manchem bisher leeren Keller hielt der erquickende Trank wieder seinen Einzug und die Hauptsache: das Geld für all dieses Obst blieb in der Stadt, während früher Tausende von Gulden aus der Stadt gewandert waren, keineswegs zum Vorteil und Nutzen des kleinen Mannes. Auch der Wein versprach ein recht Guter zu werden und die an ihn geknüpften Hoffnungen haben nicht betrogen, obwohl es nur ein Mittelherbst war, was man einkeltern konnte, die Quantität (= Menge) musste eben durch die Qualität aufgewogen werden. Auch der damals noch viel angebaute Hopfen, der nach dem alten Spruch: „Der Hopf ist ein Tropf“ stets ein Angstkind der seinen Bau betreibenden Grundstücksbesitzer gewesen und es auf den heutigen Tag geblieben ist, viel wird ja allerdings von dieser Sorte hier nicht mehr gepflanzt, auch der versprach, die an ihn gewendete Mühe und Arbeit zu belohnen. Mit einem Worte, man sah einen gesegneten Herbst entgegen. Bereits machte sich das auch auf dem Wochenmarkte bemerklich, das Simri (= Getreidemaß, 22,153 Liter) Kartoffeln wurde nur noch mit 1 Gulden 24 Kreuzer bezahlt, ebenso billig waren Bohnen, gelbe Rüben; nur Butter und Eier blieben gleich hoch im Preis, ebenso Brot und Fleisch. Für 8 Pfund (= 500 Gramm) Weizenbrot mussten 44 Kreuzer, für 8 Pfund Schwarzbrot 42 Kreuzer bezahlt werden und ein paar Wecken wogen 100 g. Das war schon lange nicht mehr dagewesen!
Am 3. August waren bereits weiche Trauben, „Mallinger“, an der Kammerz (= Weinspalier am Haus) der Gasfabrik zu finden, was bei den hiesigen klimatischen Verhältnissen nicht sonderlich oft vorkommt, auch die Kammerz des Herrn Antiquar Beck hatten weiche Trauben aufzuweisen, zwei Tage später bereits der Weinberg des Herrn Gottlob Aickelin im Bezenriet; sogar in Dettinger Weinbergen wurden schon solche gefunden.
Dass Kinder einen Schutzengel haben, ist ein schöner ehrwürdiger Glaube und fast möchte man ihn für gerechtfertigt halten, wenn man bedenkt, dass das Mädchen des Methodistenpredigers Kächele mit einem Brüderchen auf dem Arm 16 Stufen der Treppe hinunterfiel ohne dass das ihr anvertraute Kind den geringsten Schaden genommen hätte. Anders war es mit dem Mädchen, das ihr Brüderchen zu hüten hatte, es trug durch den Sturz schwere Verletzungen davon.

Die Turngemeinde, welcher im Kanzleigebäude ein Lokal für ihre Übungen eingeräumt wurde, früher hatte sie sich schwer behelfen müssen, konnte infolge dieses Entgegenkommens wieder daran denken und darauf bedacht sein, den Platz, den sie seit Jahren innerhalb der württembergischen Turnerschaft eingenommen, nicht nur zu behaupten, sondern auch fernerhin höheren Zielen zuzustreben. Pflege des Körpers und Pflege des Geistes gingen damals Hand in Hand ein frisch, fromm, fröhlich, freies Geschlecht heranzuziehen und heranzubilden.

Gegen Mitte August wurde von Herrn Dünkelmayer in hiesiger Stadt eine Zichorienfabrik (Zichorien = Wegwarten) eingerichtet und große Hoffnungen knüpften sich in Stadt und Land an diesen neuen Industriezweig, der einem längst und täglich gefühlten Bedürfnis nach ordentlichem Kaffee gerecht zu werden versprach. Die Landbevölkerung vor allem versprach sich goldene Berge von diesem neuen Zweig der Landwirtschaft, Herr Dünkelmayer lieferte den Samen umsonst, Klima, Bodenart und all das miteinander entsprach ganz dem Anbau der Pflanzen, aber die Sache fand keinen Eingang, nur wenige vermochten sich zum Anbau der Zichorie, von der doch auch in unsrer guten Stadt ganz enorme Quantitäten verbraucht werden, entschließen; das Ende vom Lied war, dass die Fabrik, die mit so großen Hoffnungen ins Leben gerufen war und begonnen hatte, wieder einging. — Glücklicher war die Verwaltung der Achalm, sie konnte in diesem Jahre den Obstertrag auf der Domäne mindestens um 5000 Simri (= 1 Simri=22,513 Liter) schätzen, und an [die] 500 Stützen waren nötig, um die Bäume aufrechtzuerhalten, die unter ihrer Last zu brechen drohten. Und wie auf der Achalm, so war’s auf dem ganzen Reutlinger Zehnten, Obst in Hülle und Fülle, Eningen verkaufte aus dem Gemeindewald 12000 Obststützen, das Stück je nach Länge und Qualität zu 4, 6, 9 Kreuzern und noch höher.

Die Bemühungen der Bewohner Honau’s, aus ihrem idyllisch gelegenen Ort eine Sommerfrische zu machen, war mit Erfolg gekrönt, ca. 40 Badegäste beherbergte der malerisch am Fuße des Lichtensteins sich ausgedehnte Ort, darunter waren sogar Engländer und Russen. Die Honauer Wirtschaften wahrten aber auch ihren guten Ruf und bis auf den heutigen Tag ist Honau die Perle des Echatztales geblieben und ein Lieblingsausflug der Reutlinger, das Ziel vieler Hunderte, die dort Ruhe und Erholung suchen und finden. Nicht den geringsten Anteil an dem so raschen Aufschwung Honau’s hatte der Verschönerungsverein, welcher für herrliche Spazierwege, für an Ausichtspunkten trefflich angelegte Ruhebänke und sonst dergleichen sorgte.

Zur Vorsteherin der Frauenarbeitsschule wurde Frau Bertha Bantlin ernannt und durch Rektor Henzler in ihr neues Amt eingeführt, welches ihr die Überwachung und Anleitung von 169 Schülerinnen übertrug. Es war bei einer solch hohen Schülerinnenzahl unbedingt notwendig, eine solche Stelle zu schaffen, das hat sich bald gezeigt.

Oft und viel wurde in jenen Tagen darüber geklagt, dass die Fleisch- und Brottaxe aufgehoben worden sei und dabei betont, dass man früher 8 Pfund Weizenbrot um 34 Kreuzer, die gleiche Quantität um 30 Kreuzer wer Schwarzbrot wollte bekommen habe, 2 Kreuzerwecken hätten damals 10 Lot, also 156 Gramm wiegen müssen; da frage es sich doch, ob man nicht lieber zum alten Zustand und zur alten Fleisch- und Brottaxe zurückkehren sollte? Erreicht wurde ja natürlich mit solchen Forderungen nichts, die Zeit des Zunftzwanges und der Bevormundung des Gewerbebetriebes durch staatliche wie durch Gemeindebehörden war unwiederbringlich dahin. Dagegen bewährte sich wieder einmal der alte Satz, „dass der Reichtum aus dem Holze komme“, die Güterbesitzer und Landleute waren nicht im Stand, mit ihren vorhandenen Obstmahlmühlen und Pressen alles zu bewältigen; das einzige Geschäft des Herrn Mechanikers Grötzinger hatte in jenen Tagen nicht weniger als 30 Obstpressen, alle mit steinernem Biete und großen eisernen Spindeln in Arbeit außerdem noch 16 Obstmahlmühlen. Und wie hier, so herrschte auch in den andern mechanischen Werkstätten, bei Kohllöffel, Dittmayer und im Bruderhaus eine rege Tätigkeit, jeder bemühte sich dem Bedürfnis und der Nachfrage nach Obstmahlmühlen und Obstpressen gerecht zu werden und mit Erfolg griffen auch die jüngeren Geschäfte Laißle, Fischer & Götz, Blessing & Votteler in diesen Konkurrenzkampf ein. Manch junges Geschäft hat damals den Grundstein zu seiner heutigen Blüte gelegt. —
Solche Jahrgänge gehören zu den seltenen, hab es doch damals Winterweizen, dessen Halme über einen Meter hoch waren und Ähren trugen, welche 40 bis 44 Körner enthielten. Allerdings waren sie nicht auf dem Reutlinger, sondern auf dem Nürtinger Zehnten gewachsen, aber immerhin beweist diese Tatsache, wie fruchtbar der August gewesen ist. Diesen reichen Erntesegen machten sich sofort die Tagelöhner in ausgiebiger Weise zu nutzen, und von ihrem Standpunkte aus, wie sie glaubten mit Recht; sie versuchten es wenigstens und verlangten 1 Gulden 12 Kreuzer Taglohn, neben voller Beköstigung. Aber diesmal hatten sie die Rechnung ohne den Wirt - oder richtiger gesagt - ohne die Polizei gemacht, denn diese dekretierte (= befahl) kurzerhand: „Wer nicht in einer Viertelstunde Arbeit genommen hat, muss zur Stadt hinaus.“ Das half und der Reutlinger Tagelöhner-Streik war zu Ende; viel hatte dazu beigetragen, dass Herr Mathe eine große englische Dreschmaschine, die 2500 Gulden gekostet hatte, in Betrieb setzte und solcher Konkurrenz waren die Streikenden doch nicht gewachsen, zumal der Besitzer ungemein billige Preise ansetzte wie solche eben nur bei einem Motoren- und Maschinenbetrieb möglich waren.

An der Realanstalt wurde eine neue Professorsstelle errichtet und diese dem Ober-Reallehrer in Kirchheim u. T. (Kirchheim/[unter] Teck) übertragen.

Die Bäckergenossenschaft ließ bezüglich der Brotpreise, wie sich solche zur Zeit gestalteten und worüber von Seiten des Publikums laut Klage geführt wurde, durch ihren Kassier Herrn Sommer erklären, dass man den hiesigen Bäckern zu einer Zeit, da alles teurer geworden Holz, Wohnung, Lohn usw. unmöglich zumuten könne, das Brot im Jahre 1874 noch um den gleichen Preis zu liefern, wie anno 1811. Mit Fug und Recht könne man die Frage aufwerfen, ob man in Reutlingen gegenwärtig nicht weit besseres Brot genieße als im Jahre 1854? Hätten die Bäcker nicht neben ihrem Handwerk noch Ökonomie, Handelschaft und Wirtschaft, auf welche sie 18 Stunden im Tage genötigt seien, so wäre es ihnen geradezu unmöglich fernerhin ihre Familien zu ernähren. Das nachzuweisen sei für die Bäckergenossenschaft eine Kleinigkeit.

Im Maschinenbaufach gab es in diesem Jahre vollauf zu tun, namentlich die mechanische Werkstätte von Martin Wendler konnte nicht genug Obstmühlen und Obstpressen nach dem System Wendler anzufertigen. Das Eigentümliche an diesen Pressen war, dass mittelst derselben der Tröster von 6 Säcken je auf einmal so fest ausgepresst wurde, dass man die ausgepressten „Stücke“ auf die Achsel nehmen konnte ohne dass auch nur ein Stück derselben abbrach.

Am 24. August besuchte Reichstagsabgeordneter Gaupp, begleitet von einer großen, stattlichen Zahl seiner Wähler die Erpfinger Höhle; zu Fuß und zu Wagen strömten Hunderte und aberhunderte aus dem Tale, aus dem Wiesatal, von den Härdtern, aus der Steinlach zusammen, um droben auf der Höhle, nachdem zuvor in Undingen Rast gemacht und ein einfaches Mittagsmahl eingenommen worden war, den Rechenschaftsbericht ihres Abgeordneten für den 6. Wahlkreis entgegenzunehmen. Die vom Landtagsabgeordneten des Bezirks Reutlingen, Herrn Stadtpfleger Rehm von Pfullingen, an den Reichstagsabgeordneten gehaltene Ansprache fand vielen Beifall, worauf Letzterer über seine Tätigkeit im Reichstag berichtete. Brausender Beifall wurde auch diesem Redner zuteil, dann ging’s hinunter zur Höhle, die mit ihrem herrlichen Tropfsteingebilden wohl die schönste, in ihrer Ausdehnung eine der größten Schwabens genannt werden darf. Nachdem die Besucher aus der Höhle zurückgekehrt waren, entwickelte sich auf dem Platze ein Volksfest, ähnlich dem auf der Nebelhöhle, selbstverständlich nur nicht so großartig. Auch in Honau erstatte der Herr Reichstagsabgeordnete nochmals Bericht vor den dortigen Wählern, dann ging es nach Reutlingen zurück.

Der Obstsegen auf dem Reutlinger Zehnten und in dessen Umgebung war in diesem Jahre ein großer; so erlöste z. B. die Gemeinde Eningen aus ihrem Obst nicht weniger als 1387 Gulden 6 Kreuzer. Gewiss ein Ansporn für die Gemeinden, dem Obstbau ihre größte Aufmerksamkeit zuzuwenden.

In diesem Jahre wurde hier der Wunsch laut, es möchte auch in Reutlingen, wie in den meisten übrigen großen Städten des Landes und auch in Sachsen und Bayern das Sedansfest als deutsches Nationalfest gefeiert werden. Viele konnten nicht recht begreifen, warum man zu einem solchen gerade einen Schlachttag oder wenigstens den Tag nach einer Schlacht wähle, welche die Kapitulation einer ganzen Armee zur Folge hatte, was später noch mehr als einmal der Fall gewesen, die im großen Ganzen aber nur das vor den andern voraus hatten dass durch sie der Kaiser Napoleon III. gefangen genommen wurde, während die schöne Kaiserin Eugenie, seine Stellvertreterin, in Paris in diesem Tagen bereits ihre Kostbarkeiten zusammenraffte, um sie den in England befindlichen, sicher angelegten, dem französischen Volke ab gestohlenen Millionen als hübsche Dekoration anzureihen. Solch zwei edle Seelen, von denen die eine den Thron Frankreichs durch einen Meineid gewonnen und viel hunderte der edelsten Männer nach Cayenne auf die trockene Guillotine geschickt hatte, eine Kaiserin die das Land in unerhörter Weise ausgesogen, um sich zu bereichern und mit den kostbaren Diamanten zu behängen, einen Sieg über zwei solche Verderber ihres eigenen, schönen Landes als ein deutsches Nationalfest zu feiern, dazu hatte man in Deutschland wahrlich keinen Anlass. Allein nachdem es nun eben einmal beschlossene Sache warm fügen sich viele derer, die ursprünglich dagegen gewesen. Die Majorität (= Mehrheit) für eine solche Feier bestand auch nur aus 9 Stimmen, welche ihr Ja ausgesprochen hatten, während anderseits 8 Stimmen mit Nein gegenüberstanden. Mit einer einzigen Stimme wurde das Sedansfest hier ins Leben gerufen, an dem 25. Jahrestag der Schlacht und Kapitulation wurde es sanft und selig zu Grabe getragen. — Damals aber protestierten 3 Gemeinderäte, die HH. Heinrich Finckh sen., Christian Bantlin und Rechtsanwalt Baur gegen diesen Beschluss.
Auf dem Florian brannte das erste Feuer, dann tauchten auf den Höhen, soweit das Auge reicht, Feuer auf, die schönsten auf Achalm und Lichtenstein.

Zum Mitglied des Preis- und Schaugerichts am Volksfest wurde, nachdem Oberamtstierarzt Kaltschmidt in Ludwigsburg zurückgetreten war, Oberamtstierarzt Reicherter hier ernannt, obwohl er zu jener Zeit der jüngste Oberamtstierarzt des Landes war. Wie er seines Amtes zu walten verstand, das bewies der Einkauf von Farren (= m. Hausrind ≈ Bulle) und Kalbeln (= Kälber) welche er in diesem Jahre gemeinschaftlich mit Schultheiß Stoos von Kleinengstingen in der Schweiz und zwar im Berner Oberland auf den Alpenweiden aufgekauft hatte. Die Tiere wurden dann in der vom Verein veranstalteten Versteigerung unter den verschiedenen Gemeinden, welche an Stelle ihres abgängigen Farrens (Gemeindezuchtbulle) einen neuen wünschten, ausgeboten. Die Gemeinden und sonstige Liebhaber konnten ohne jedes Risiko steigern da sie von dem ihrerseits angelegten Preise 75 % d.i. ¾ zurückerhielten, während das letzte Viertel der Kasse des landwirtschaftlichen Vereins verblieb, welche das Geld zur Deckung der von ihr gemachten Auslagen beim Farrenankauf und zu Prämien an musterhafte Vieh-Haltungen verwendete. Wer sich des Viehstandes erinnert, wie er in jenen Jahren war und ihn mit dem heutigen unseres Bezirks vergleicht, der wird gestehen müssen, dass in dieser Hinsicht ein großer Fortschritt Platz gegriffen und sich weitere Bahnen gebrochen hat. Der alte Wahlspruch des „Lahrer Hinkenden Boten“: Viel Wenige geben ein Viel, Beharrlichkeit führt zum Ziel“, hat sich in dieser Sache glänzend bewährt, leider nur für allzu kurze Zeit, denn schon die auf denselben Prinzipien beruhenden Verkäufe im Jahre 1868 und die seither noch da und dort veranstalteten Verkäufe waren gescheitert und eingegangen und infolge davon der Viehstand des Reutlinger Bezirks ganz erheblich zurückgegangen. Als aber beim landwirtschaftlichen Feste von 1867 die auswärtigen Preisrichter rundheraus (= offen) erklärten, der Viehstand im Bezirk Reutlingen sei im Niedergang begriffen, wenn man die Nachbarbezirke damit vergleiche, und nur durch Einführung von Simmentaler Farren (= Fleckvieh) können die im Bezirk drohenden Verluste vermieden werden, und man möge sich daher alle Mühe geben, diese abzuwenden; der Viehschlag im Reutlinger Bezirk müsse unbedingt bei Zeiten vor einem solchen Niedergange bewahrt werden, kam Leben in die Sache. Dass diese Nachricht nichts weniger als lieblich in den Ohren des Herrn Vorstandes geklungen, ist nur zu natürlich, und sein erster Antrag lautete, den Beschluss zu fassen, aus dem Simmental Original-Zucht-Farren einzuführen. Der Beschluss wurde gefasst und vom Jahre 1868 bis 1874 wurden 47 Farren und eine Kalbel aufgekauft, welch letztere in die Hände des Dr. Flamm in Pfullingen überging. Von den Farren kamen nach: Betzingen 2, Groß-Engstingen 1, Klein-Engstingen 4, Eningen 4, Erpfingen 3, Genkingen 6, Gomaringen 2, Holzelfingen 1, Mägerkingen 3, Wannweil 3 und Willmandingen 1 Stück; 5 weitere Farren kamen in andere Bezirke. Die guten Folgen dieser Ankäufe zeigten sich bald, der Viehschlag in jenen Orten wurde immer besser und namentlich zeugten die hohen Viehpreise jener Zeit dafür, dass man hier einen glücklichen Griff getan habe. Man war daher sofort entschlossen, an dem Ankaufe solcher Tiere auch für die Zukunft festzuhalten, ohne wieder, wie schon einmal, eine Pause eintreten zu lassen. Reutlingen und Eningen erhielten je 1. Preis, drei 2. Preise Erpfingen, Genkingen, Klein-Engstingen, zwei 3. Preise Mägerkingen und Groß-Engstingen und den 4. Preis Holzelfingen.

Im benachbarten Pfullingen wurde in der Heil- und Pflegeanstalt die Einweihung des Festsaales vorgenommen, dem der frühere s.g. Kasten hatte Platz machen müssen. Es war eine erhebende Feier und hochinteressant waren auch die Mitteilungen des Hrn. Dr. Flamm über die Entwicklungsgeschichte der Anstalt, welche von seinem Vater gegründet worden war. Herr Regierungsdirektor v. Schwandner versicherte die Direktion der Anstalt, dass deren zweckmäßige Einrichtungen, welche von der umsichtigen Leitung mit so vielem Geschick ins Leben gerufen worden sei, auch fernerhin auf die Unterstützung seitens der Regierung rechnen dürfe.
Auf dem am 5. September abgehaltenen Wochenmarkte war namentlich der Obstmarkt stark befahren. Der Sack Äpfel kostete 3 fl. bis 3 fl. 24 kr., Birnen 3 fl. 30 kr. bis 4 fl. Das Obst auf der Achalm, zu 5500 Simri geschätzt, wurde auf den Bäumen verkauft und durchschnittlich pro Simri mit 46 kr. bezahlt. Der Obstsegen dieses Jahres war ein ungemein großer.

Stolz konnten die hiesigen Volksschullehrer auf das Urteil des Herrn Prälaten v. Merz sein, der anlässlich seiner jährlichen Visitationsreisen auch nach Reutlingen gekommen war und am Schlusse der Prüfung erklärte, er habe im ganzen Lande keine besseren Schulen gefunden. Nach den Volksschulen kam die Real-Anstalt an die Reihe, welche durch Herrn Oberstudienrat v. Fischer eingehend geprüft wurde, das Ergebnis war ein außerordentlich günstiges, wie er den bürgerlichen Kollegien gegenüber erklärte; auch dem an der Anstalt wirkenden Lehrpersonal spendete er uneingeschränktes Lob; die Anstalt zählte damals 11 Klassen und zwar 8 Real-Klassen und 3 obere Klassen, eine 9. Klasse sah einer baldigen Einrichtung entgegen, damit wurde dann dem dringenden Bedürfnisse, dass die Schüler derselben schon von hier aus bis zum Studium auf der polytechnischen Schule, überhaupt auf höheren Bildungsanstalten herangebildet werden konnten, genüge geleistet. 13 Lehrer - und zwar 2 Professoren, 2 Oberreallehrer, 6 Reallehrer, 1 Zeichenlehrer - unterrichteten die 361 Schüler, welche die Anstalt besuchten und zwar 309 (darunter 77 Auswärtige) die Realschule, 52 (darunter 25 Auswärtige) die Oberrealschule. Ein glänzender Beweis, dass Reutlingen seinen Ruf, für Schulzwecke kein Opfer zu scheuen, wieder einmal glänzend bewährt hatte.

Bei der Wahl eines Abgeordneten zu der am 17. Septbr. zusammengetretenen Landes-Synode erhielt Regierungsdirektor v. Schwandner von 42 abgegebenen Stimmen 21 und Oberamtsrichter Gmelin ebenfalls 21 Stimmen; da somit Stimmengleichheit vorlag, trat die gesetzliche Bestimmung in Kraft, wonach der Ältere als gewählt zu betrachten ist, es war somit Herr v. Schwandner als Abgeordneter, Herr Gmelin als dessen Stellvertreter gewählt.

Am 22. Sept. führte der Oratorienverein Schumanns herrliches Werk, „Der Rose Pilgerfahrt“ in wirklich hochgelungener Weise unter der Direktion des Seminar-Vorstand Hornberger auf; die Begleitung hatte Regierungsrar Schott v. Schottenstein übernommen, die Solis lagen durchaus in den besten Händen und gebührte dem Verein, der sich die Pflege alles Schönen in der Musik zur Aufgabe gestellt, das beste Lob.

Am Schluss des Monats ging der Sommerkursus der Frauenarbeitsschule, welcher von 172 Schülerinnen besucht worden war, zu Ende. Ihren Austritt hatten 70 Schülerinnen erklärt, für welche aber bereits 50 neue sich angemeldet hatten, denen jedenfalls noch eine größere Zahl von Anmeldungen folgen dürfte, sodass die bisherige Zahl, wenn nicht überschritten, so doch sicherlich erreicht werden dürfte. Bei dieser stattlichen Anzahl von Schülerinnen mussten sich natürlich die Räume im Spendhaus als viel zu klein erweisen, weshalb die bürgerlichen Kollegien durch Professor Walther in Stuttgart einen Plan entwerfen ließen, dessen Aufführung einen Aufwand von 80 000 fl. erfordern dürfte. Nachdem die bürgerlichen Kollegien 35 000 fl. bewilligt hatten, hoffte man der Staat, für den das Aufblühen dieser Anstalt von ganz eminenter Bedeutung sein musste, werde den Rest übernehmen.

Gegen Ende des Monats September wurde am oberen Umlauf der Marienkirche ein Gerüst bis beinahe zur Kreuzblume hinaufreichend errichtet. Der Turm zeigte da und dort Spuren eines bedenklichen Zerfalles und schwere Schäden, welche sich erst ganz werden übersehen lassen, wenn einmal nach Vollendung des Schiffes sich die Bautätigkeit dem Turme zuwendet. Namentlich die Krappen desselben hatten schwer notgelitten und um diese Schäden auszubessern wurde das Gerüst errichtet. Es war für die Arbeiter keine Kleinigkeit, in solch schwindelnder Höhe zu arbeiten, das Material hinaufzuschaffen und die Steine richtig zu versetzen. Zum Glück ging alles trefflich vonstatten, die Leute hatten an dem Gerüst immer noch einen Rückhalt, was einige Jahre zuvor nicht der Fall gewesen war als Gehilfen des Hofschieferdeckers Stahl die Spitze des Turmes bestiegen, und einer der Waghalse sich mit dem Engel herumschwenkte, wobei er sich mit der einen Hand hielt und mit der andern eine Pistole losschoss.

Zu Anfang Oktober begann die Obsternte, die sowohl vortreffliches Most- als Tafelobst in Hülle und Fülle lieferte, Der Preis stellte sich allerdings zu hoch, es wurde für den Sack 5 fl. bezahlt, trotzdem vermochte fremdes Obst in diesem Jahr keinen Eingang zu finden auf dem hiesigen Markte. Das Geld blieb in Reutlingen selbst und wenn man bedenkt, dass im Jahre zuvor etwa 300 000 fl. für Obst außerhalb des Landes wanderten, so lässt sich leicht berechnen, wo welch großer Bedeutung der heurige (süddt. = diesjährige) Obstsegen für die Stadt gewesen ist. — Leider minder reichen Ertrag versprachen die Weinberge und wieder einmal wurde die Hoffnung unserer Weingärtner, wenigstens was die Qualität anbelangte, zunichte; die Frühjahrsfröste hatten in den untern Lagen unbarmherzig gehaust, doch haben sich die Weingärtner der Hoffnung hin, was an der Menge des Weines fehle, würde durch die Güte desselben ersetzt werden und bereits wurde ein Eimer zu 70 fl. verkauft. — Damals wurde hier auch noch viel in Hopfen gehandelt; Ende September bot ein Händler für ein größeres Quantum 145 fl. pro Zentner, der Eigentümer gab jedoch seinen Hopfen um diesen Preis nicht ab, er mag es später wohl bitterlich bereut haben, auf seinem Verlangen 145 fl. p. Ztr. zu erlösen bestanden zu sein. Auch diejenigen, welche ursprünglich ihren Hopfen zu 125-130 fl. sackbar verkauft hatten, mussten bald die Erfahrung machen, dass mit des Geschickes Mächten kein ewiger Bund zu flechten ist und das Schicksal schnell schreitet. Kaum hatten diese Hopfenbesitzer erfahren, dass auswärts 150 bis 160 fl. für den Zentner (= 50 kg) bezahlt wurden, so hüteten sie ihre Hopfen ängstlich, wie der verwunschene Simmrispudel die Schätze im Pfullinger Schloss, aber da hieß es eben auch: „Wer alles will, bekommt gar nichts“, kurze Zeit nachher trat ein Stillstand im Geschäfte ein und statt der bisher erhofften Preise wurden nur noch 100 fl. bezahlt.

Als eine große Naturseltenheit darf es bezeichnet werden, dass in der kleinen Rebpflanzung des Weingärtners Lamparter, der am Bahnübergang in der Kirchhofstraße stationiert war, zu Anfang Oktobers Trauben zu finden waren, und zwar solche, welche in voller Blüte standen, solche, welche die Blüte bereits hinter sich hatten, und solche, welche bereits Beeren bis zur Größe von Erbsen ansetzten. Der 6. und 7. Oktober brachte den ersten Reifen in diesem Herbst, der Winter sandte seine Vorboten schon beizeiten.
Die Frage der Sonntagsruhe begann mehr und mehr in Fluss zu kommen. Bereits erklärten sich 10 hiesige Firmen bereit, am Sonntag ihre Läden ganz geschlossen zu halten, eine große Anzahl zeigte sich geneigt, solche nur von 11 Uhr bis 2 Uhr mittags offen zu lassen. Das allerdings nichts weniger als glücklich ausgefallene Sonntagsruhegesetz fand in diesem Vorgehen eine Direktive (= Bestimmung), in welchen Rahmen der Handels- und Gewerbestand sich die Entwicklung der Sonntagsruhe dachte. Schon die Rücksicht auf das Geschäftspersonal, dass die Woche über genug zu leisten hat, rechtfertigte vollständig diesen Schritt, der jenen Firmen alle Ehre machte.

Die Unsitte des Publikums, auf dem Volksfest um jeden Preis neuen Wein (= Traubenmost) trinken zu wollen, war mit der Zeit zu einer wahren Kalamität (= Übel) geworden, denn sie setzte eine Prämie auf das s.g. Pantschen und Weinmachen aus. Von Stuttgart wurden ganz beträchtliche Quantitäten dieses Teufelszeugs auf dem Wasen ausgeschenkt oder an Wirte verkauft, und auch in Reutlingen wurde mit dieser elenden Brühe beglückt, welche jedoch dem chemischen Untersuchungsamt eingeliefert wurde, um festzustellen ob dieser Wein wirklich „an sonniger Bergeshalde“ gewachsen oder „im tiefen Keller“, natürlich in der Nähe eines ausgiebigen Pumpbrunnens, „fabriziert“ wurde. Es dürfte nachgerade Zeit sein, diesen Leuten ganz gehörig auf die Finger zu sehen und zu klopfen.

Am 12. Oktbr. begann die Weinlese, aber vorerst waren es nur wenige, die von der Erlaubnis zu lesen, Gebrauch machten. Erst Mitte der Woche sollte der eigentliche Herbst beginnen und dürfte derselbe wohl 8 Tage in Anspruch nehmen, denn bei dem gegenwärtigen Wetter hoffte gar mancher, dass bei längerem Hängenlassen der Trauben deren Qualität gewinnen könne und dadurch der durch die Frühlingsfröste angerichtete Schaden wenigstens zu einem Teil wieder hereingebracht werden könne.
An der Fortbildungsschule wurde ein besonderer Kursus für Dekorationsmalerei eingerichtet, an welchem sich sofort 21 Schüler beteiligten, ein Beweis, dass ein solcher Kursus eine Notwendigkeit war. Gleiche Kurse wurden für Steinhauer-, Zimmerer- und Maurerlehrlinge in Aussicht genommen, welche während 3 Monaten das Wichtigste über Baukunde, Baukonstruktions- und Baumaterialienlehre in leicht fasslicher Form vorgetragen werden sollte, um ihnen auf diese Weise neben der Praxis auch theoretische Kenntnisse beizubringen. In der kaufmännischen Fortbildungsschule fand ebenfalls eine Erweiterung des Lehrplanes insofern statt, als anschließend an den Kursus im Französischen für Anfänger und Vorgerücktere (= Fortschrittlichere), noch ein solcher für Konversation eingerichtet wurde. Es sind das dankenswerte Neuerungen gewesen, von denen denn auch vielfältig Gebrauch gemacht wurde.

Schon weiter oben war davon die Rede, dass ein Herr Dünkelmayer beabsichtigte, die Kultur der Zichorienpflanze bei uns einzuführen und deren Wurzeln zu verarbeiten gedachte. In der ersten Hälfte des Oktobers stand die Sache so: An der Straße nach Betzingen erhob sich ein stattlicher Bau, der jetzt im Besitz des Herrn Yelin sich befindet, mit allen maschinellen Einrichtungen aufs Beste versehen und nach den neuesten Erfahrungen eingerichtet; in dieser Fabrik wurden nun Zichorienwurzeln aus der Umgegend verarbeitet, deren Produkte sich des ungeteiltesten Beifalls sämtlicher Hausfrauen erfreute, ja es fehlte nicht an Stimmen aus lokalpatriotischen Kreisen, welche erklärten, das Reutlinger Fabrikat werde an Wohlgeschmack und Feinheit von keinem anderen Fabrikate übertroffen und es könne gar nicht fehlen, dass mit dem Bau der Zichorienwurzel sich eine reiche Einnahmequelle für unsere ganze Stadt aufgetan habe, Es hatte auch allen Anschein, dass es sich so verhalte, denn Probeversuche, welche mit dem Wurzelanbau gemacht wurden, waren sehr gut ausgefallen und die Erträgnisse gar reiche gewesen; was Wunder, wenn gar Viele es sich schon im Geiste ausmalten, wie in kurzer Zeit schon die Holländer, die bisher jahraus, jahrein Tausende von Zentnern Zichorienwurzeln nach Deutschland geliefert hatten, vom deutschen Zichorienmarkt verdrängt sein würden, passten doch Reutlinger Böden und Klima wie kaum ein anderes für den Anbau dieser Pflanze, durch welchen nicht nur die hiesigen Weingärtner, sondern die ganze Umgegend eine bedeutende Steigerung ihrer Einnahmen erhoffen durften, zumal Zichorie eine treffliche Vorfrucht für Dinkel ist, der erfahrungsgemäß nach der Zichorie sehr gut gedeiht. Wie sich die Sache späterhin entwickelte, werden wir sehen. Hier geben wir einstweilen:

Das Lied von der Zichorie.
Freut euch ihr Kase-Schwestern und –Basen,
Führet in hellen Triumph sie herein;
Freut euch und jubelt all über die Maßen,
Denn die Zichorie ziehet hier ein.

Weg mit den Päcken, den gelben und blauen,
Ludwigsburg, Braunschweig, der Küche bleib fern!
Mögen die Päckchen sich schmücken, – wir trauen
Nicht einmal denen mit glänzendem Stern!

Uns ist ja selbst nun ein Stern aufgegangen,
Sieh wie der Landmann mit emsigen Fleiß,
Um zu stillen der Hausfrau’n Verlangen,
Säet Zichorie, es rinnt ihm der Schweiß.

Stromweis vom Antlitz, doch scheut er nicht Mühe,
Scheut nicht der Sonne glühenden Brand,
Draußen den Samen in aller Frühe
Sät er mit sicherer, kundiger Hand.

Zieht dann einmal der erste Wagen
Mit der Wurzel, der herrlichen ein,
Mögen verstummen jegliche Klagen
Möge sich freuen Groß und Klein!

Stimmet ihr Kaseschwestern die Laier,
Fallt in die Saiten voll Jubel und Macht,
Dank sei und Preis dem Herrn Dünkelmayer,
Der uns gute Zichorie gebracht!

Welch schweren Stand unsere Weingärtner durch unlautere Konkurrenz vielfach noch zu bestehen haben, mag folgendes Beispiel zeigen, das sicherlich nicht das einzige geblieben ist: In Freiburg i. B. erließ eine Droguenhandlung (= Materialwarenhandlung (süddt.), Apothekerwaren) sein Inserat, in welchem sie „Traubenzucker I. Qualität, Weingeist, Weinsteinsäure, Hausenblase, Rotweincouleur (= Art, Sorte), Weißweincouleur und Weinbouquets, Gebrauchsanweisung gratis“ empfahl. Mehr allerdings konnte das Publikum nicht verlangen, als es mit Hilfe obiger Mittel sich nunmehr in den Stand gesetzt sah, ganz nach Belieben jede Weinsorte herzustellen, roten und weißen, Markgräfler und Zeller. Nun die Dummen werden bekanntlich nicht alle und die Welt will betrogen sein; dass ein derartiger Schwindellieferant aber im Wochenblatt des landw. Vereins für das Großherzogtum Baden vom 7. Okt. 1874 Nr. 40 einen Platz finden konnte, das ist das Betrübende an der Sache.

Die Weinlese, die von Mitte Oktober ab, vom herrlichsten Wetter begünstigt, in vollem Gange war, ergab ein nach Qualität vorzügliches Resultat, der Wein wog von 75-89 Grad; die besseren Lagen wogen durchgängig über 80 Grad und noch mehr, schade, dass es nur ein Drittel-Herbst war. Auch über den Preis konnte man sich nicht beklagen, er betrug anfänglich zwischen 73 und 80 Gulden. — Auch der Verkauf des städtischen Hopfens ging flott vonstatten. Es mochten etwa 30 Zentner sein, die zum Verkaufe gestellt waren und für welche pro Ztr. 125 fl. von einem Händler bezahlt wurden.

Musikdirektor Seitz, um das Orgelspiel in unserer Kirche nicht nur, sondern als Orgelrevident im ganzen Lande, ob und unter der Steig wohlverdient und überall bekannt, wurde vom König die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen.
Im benachbarten Eningen ereignete sich ein Unglücksfall der, wie in den meisten Fällen im Herbst, auf unvorsichtiges Hantieren mit Feuergewehren zurückzuführen ist. Ein 18-jähr. Bursche, bisher die Stütze seiner armen kränklichen Eltern, wollte sich auch im Schießen versuchen, hatte aber offenbar hohl geladen, denn als er abdrückte, zersprang der Lauf und zerriss dem unglücklichen Schützen die linke Hand derart, dass ihm dieselbe sofort abgenommen werden musste. Das alte aber leider niemals beachtete Lied: „Spiele nicht mit dem Schießgewehr!“ wollte man die Fälle zählen, in welchem jahraus, jahrein durch eigene oder fremde Unvorsichtigkeit Menschen durch dieses heillose Spielen mit Gewehren verwundet oder gar getötet wurden, die Ziffer käme sicherlich mancher Verlustliste aus einem Vorpostengefecht im deutsch-französischem Kriege gleich. Aber die Leute wollen es so haben, so mögen sie denn auch die Folgen auf sich nehmen. — Ganz der gleiche Fall trug sich in einem hiesigen Weinberge zu, wo ein junger Mann durch seine zersprungene Pistole an der rechten Hand schwer verletzt wurde.

Die vom Samstag den 24. bis Montagabend den 26. Okt. dem Publikum zugänglich gemachte Obstausstellung des Pomologischen Instituts war außerordentlich zahlreich besucht und zwar mit Recht, denn sie bot eine Anzahl des Schönsten und Feinsten, was auf dem Gebiet der Obstbaumzucht gegenwärtig geleistet wird, und wohl keiner der vielen Besucher wird damals die geschmackvoll arrangierte Ausstellung des Instituts unbefriedigt verlassen haben.

Die in Aussicht stehende Gelwährung, so erwünscht sie jedermann sein musste, hatte auch da und dort Unannehmlichkeiten im Gefolge; eine der ersten Münzen, die zum Einzug kamen, waren die polnischen Drittelstaler, welche die Unterschrift „Talara“ trugen. Diese Münzsorte war schon längst unbeliebt und beim Publikum in Misskredit, viele aber wussten hiervon nichts und kamen dadurch in Schaden. So zahlten, um nur ein Beispiel zu erwähnen, auf dem alljährlichen im Oktober stattfindenden mit dem Jahrmarkt verbundenen Viehmarkte etliche Händler, die aus dem Badischen gekommen waren, mit solchen abgeschätzten Drittelstalern aus. Eine Frau, welch ihre Kuh verkauft hatte, erhielt den ganzen Kaufpreis in solch abgeschätztem Gelde ausbezahlt, und war nicht wenig bestürzt, kurze Zeit darauf von einem Kaufmann, bei welchem sie noch einige Einkäufe machen und mit diesem Gelde bezahlen wollte, zu vernehmen, dass dieses abgeschätzt sei und irgendein abgefeimter Gauner sie mindestens um 1/4 ihrer Einnahme für die Kuh betrogen habe. Glücklicherweise gelang es der Polizei noch am gleichen Tage einen der biederen Vieh- und „Talara“-Händler aufzugreifen und ihn zu zwingen, der Frau auf der Stelle anderes Geld zu geben, was zu tun er sich umso mehr beeilte, da er nicht mit Unrecht befürchten mochte, im Weigerungsfall Unterkunft in einem Lokal zu finden, dessen Türe sich wohl von außen, nicht aber von innen öffnen lässt (amüsante Andeutung aufs Gefängnis). Die Talarastücke wurden eingezogen und der Händler verließ in keineswegs rosiger Laune den „Reutlinger Markt“, wo es ihm so schlecht ergangen.

Am 30. Oktober wurde in dem benachbarten Honau eine prachtvolle Tuffstein-Höhle in nächster Nähe des Heid’schen Bades entdeckt. Dieselbe hat eine Länge von 50 Fuß (= 1 Fuß=30,48 cm), ist 15 Fuß hoch, und 7-9 Fuß breit. Es ist eine jener Höhlen, an denen die Alb so reicht ist, und wenn sie selbstredend sich mit der Nebelhöhle auch in gar keiner Weise messen kann, so imponiert sie doch durch ihre prächtigen Tropfsteingebilde, die blendend weiß einen herrlichen Gegensatz zu der vom Fackelrauch geschwärzten Nebelhöhle bildet, deren Tropfsteingebilde zudem durch bestialischen Vandalismus herabgeschlagen worden sind. Ein bequemer Zugang zur Höhle, die vorläufig nur auf Leitern erreichbar, wurde alsbald in Aussicht und Angriff genommen, sodass auch diese Höhle der Schwabenalb dem Touristen derzeit zugänglich ist.

Durch die Unvorsichtigkeit des Gehilfen in einer der hiesigen Apotheken erhielt ein an Typhus schwer, und wie die nachfolgende Gerichtsverhandlung ergab, hoffnungslos erkrankter, vielversprechender, junger Mann statt des vom Arzte verordneten Chinins, Morphium; nach kurzer Zeit war der junge Mann, der einzige Sohn seiner Eltern, eine Leiche.
Wie es bei den hiesigen Gesellschaften löblicher Brauch, fanden um Martini solenne (= feierliche) Gansessen statt. Bei dem vor der Bürgergesellschaft abgehaltenen wurden folgende Verse vorgetragen:

Zur Martinsgans.
Steig auf vor meinem Blick, du Bild vergang’ner Tage,
Gleich einer frommen, still verscholl’nen Sage,
Du Bild von allen, die einst hier gesessen,
Behaglich froh, die Martinsganz zu essen.

Wer zählt sie auf, wer nennt sie all die Namen,
Die hungrig, durstig hier zusammenkamen;
Wie fasste jeden da ein wonnig Beben,
Gings zu der Martinsgans – hei, welch ein lustig Leben!

Auch heut, bewehrt mit Messern frisch geschliffen,
Hat Wucherer die Gänse all ergriffen,
Und Haupt um Haupt, als ob in Henkerssold
Er ständ, ist blutig in den Sand gerollt!

Dann schnell gerupft! Denn Daunen in den Kissen
Sind es ihm so wert, als wie ein gut Gewissen
Und jedes seiner Gänselein, fein gebraten,
Entflammte ihn zu neuen Heldentaten.

Zum Keller eilte er in raschem Lauf,
Und schleppte ries’ge Krüg voll Wein herauf,
So groß wie die zu Kana einst, daran
Der Herr solch großes Wunder hat getan.

Doch war kein Wasser drin, denn bei dem Kronenwirt
Wird wohl die Gans im Fett, doch nie der Wein geschmiert,
Und wenn dann Einer spät nach Mitternacht
Sich wankend, schwankend auf den Heimweg macht,

Da wickelt stets als guten Blitzableiter,
Der Wuchrer still vergnügt und froh und heiter,
– So soll ein richt’ger Gastwirt immer sein, –
Ein Viertel ihm für die Gemahlin ein.

Das hat dann mehr als alles andere gepredigt,
Und jegliche Gardinenpredigt war erledigt.
Das hat gar mancher schon vor vielen Jahren
Mit Lust und Freude an sich selbst erfahren. –

Doch mancher auch, er schied, der gerne hier geweilt,
Der Martinsgänse Schmaus, der Freude Luft geteilt!
Steigt heut empor aus eurer stillen Gruft,
Ihr Freunde fliegt empor! Ha, weckt Euch nicht der Duft?

Wie hiebt Ihr einst so urgermanisch ein!
Wie schmeckte Euch das Essen und er Wein,
Wo sind sie all? So viele deckt der Rasen,
Sie lockt nicht Martinsgans, kein Braten mehr vom Hafen!

Doch allen sei von uns in Dankbarkeit
Am heut’gen Tag ein stilles Glas geweiht.
Doch nur der Lebende hat Recht! Fort heut mit allen Sorgen
Für solche ists zu früh am nächsten Morgen.

Der heut’ge Abend aber soll allein
Geweiht der Martinsgans, dem braven Vogel sein:
Und wie es einst bei den Altvordern klang,
Erschall auch heut bei uns der Lobgesang:

„Herbei zur Martinsgans, Herr Burkhart mit den Brezeln, jubilamus!
Bruder Urban mit den Flaschen, cantemus!
Sankt Bartel mit den Würsten, gaudeamus!
Seid alle drei starke Patronen zur fetten Martinsgans!

O Bruder Urban, gib uns Wein, so trinken wir und schenken ein,
Die Gans, die will begossen sein,
Sie will noch schwimmen und baden,
So wird uns wohl geraten.
Haec anseris memoria!“

Ja blick ich auf die Gäste heut und ihre Teller,
So schlägt das alte Herz mir schnell und schneller.
Noch sind nicht alle fort, wie Spreu im Wind zerstieben,
Nein, noch ist uns ein Kern, ein prächtiger geblieben.

Die Wagner rücken an, mit allen ihren Buben,
Denn wie die Äcker sind, sind all’mal auch die Ruben,
Und was der Väter Freund, nicht tun die Jungen hassen,
Auch diese wollen heut das Gänslein schwimmen lassen,

Und sprach man frührer Zeit mit Ruhm vom alten Hans:
„Der schlägt ne gute Kling, bei Gott, gottlob der kanns!“
So rühmen heut mit Recht vom jungen Hans wir alle:
„Der ist des Vaters wert, wert, dass ein Ruhm erschalle,

Den Gegner weiß im Kampf er meisterlich zu schlagen,
Das zarte Schlegelein gar sauber abzunagen,“
Da ist der Carl, der Hahn, mit seinen scharfen Sporen
Haut er die Gegner all im Kampfe um die Ohren.

Heut hat er keine Zeit, heut ist der Groll vergessen,
Sein höchst’s ist heut die Gans, die er vor Lieb will fressen.
Da ist der Preßmar auch, dem Gänslein will er sagen:
„Schau dich bei Zeiten um nach guten Platz im Magen,

Damm lass ich, liebes Tier, zu deinem Nutz und Frommen
Dir in dein still Quartier ein Wolkenbrüchlein kommen,
Er ist der neue Wein, gottlob und dank, geraten,
Drum sollst du, gute Gans, auch pfludern und pfladern.“

Die beiden Wandel auch, so fromm, so brav, so bieder,
Wie eifrig seht ihr heut bei ihrer Gans die Brüder,
Denn das ist heut allein der beiden Sorg und Plage,
Dass sicher mit nach Haus sein Viertel jeder trage.

Und würdig thront am Tisch, mit wonnigem Gefuhle,
Stolz als Präsidium, Freund Krimmel auf dem Stuhle,
So stolz, als wollte er heut der ganzen Welt er sagen:
„Tut not es, liebe Leut, drei Viertel fasst mein Magen!“

Und wer sitzt dort, sein schmunzelnd auf dem Stühle?
Es ist der Biblioth’kar, Ihr kennt ihn all, der Schiele;
Der Pädagogik Wust, heut will er ihn vergessen,
Heut ist er einmal Mensch, Gansviertel will er essen.

„Verstähst? und nach der Gans“, so sagt er jedem, lechz’ ich,
Nach meinem Ideal, duss, duss im Sechsundsechzig!“
Ja, ja beim Kartenspiel und saftgem Gänsebraten,
Und möglichst wenig Schul, ¬- da kann man wohl geraten.

Dass die Beschreibung stimme, ihr Freunde, sagt Euch auch
Ein einziger kurzer Blick auf unsres Schiele’s Bauch!
Kurzum, man mag die Sach nun wie man will betrachten,
Es ist ein schöner Brauch, die Martinsgans zu schlachten.

Nicht minder löblich auch, wenn neue Weine fließen
Wie unser heuriger, sie fleißig zu begießen!
Aufs Neue schling die Gans ein Band um uns, ihr Brüder,
Und freudig dann begeh’n ihr Fest wir nächsts Jahr wieder.

Inzwischen aber trinkt und schenkt aufs Neue ein,
Die Gläser hoch erhebt und trinkt den neuen Wein,
Stoßt an, es leb die Gans, die einst das Capitol
Gerettet vor dem Feinde, jetzt dreimal leben soll!

Jed’ Gänslein lebe hoch, mit Federn oder nicht,
Ob’s „gigack“ schnattert, ob’s Französisch, Englisch spricht,
Jed’ Gänslein lebe hoch, ob es im Stall nur hat
Die Jugendzeit verträumt, ob im Pensionat.

Ein jedes Gänslein hoch, dem’s wohl ist in dem Pfuhle,
So wohl wie denen, die noch täglich geh’n zur Schule,
Mit Federn an dem Bauch, mit Federn an dem Hute,
Heut gilt uns allen gleich, uns ist’s so wohl zu Mute,

Euch lieben Gänslein all, zum Küssen lieb, zum Fressen,
Euch schall ein donnernd Hoch bei unsrem Gänse-Essen!

Am 7. November feierte der Liederkranz sein 47. Jahresfest, das in jeder Beziehung einen glänzenden Verlauf nahm, und aufs Neue bewies, dass jeder Verein würdig an der Spitze der hiesigen Gesangvereine marschiert. Aus Anlass dieses bei einem Vereine sicherlich seltenen Jahresfest wurde der damalige Stadtschultheiß, jetzige Oberbürgermeister Benz, G. Beutel und J. Votteler zu Ehrenmitgliedern des Vereins ernannt. In launiger gebundener Sprache gab Herr Bay die Erlebnisse des Liederkranzes im letzten Jahre zum Besten, was viele Heiterkeit erregte. Die Festrede hielt der Vorstand Hr. Schlegel, anknüpfend an die Tage des Liederfestes, das neben viel Leid und Wassermenge (siehe oben) doch auch manches Schöne gebracht habe, vor allem einen noch innigeren Anschluss des Liederkranzes an die Züricher Harmonie. Auch der längst projektierten (= geplanten) Liederhalle wurde eingehend gedacht, aber trotz aller Begeisterung, die im Anfang für das Projekt herrschte, blieb das Projekt bis auf unsre Zeit „ein schöner Traum“, und wir warten immer noch in der guten Stadt Reutlingen auf den kapitalkräftigen Prinzen, der dieses schlummernde Dornröschen wachküsst.

Am 11. Nov. wurde die landwirtschaftl. Winterschule in Anwesenheit der Lehrer der Anstalt und der Mitglieder des Aufsichtsrat durch den Vorstand der Aufsichtskommission, Herrn Oberamtmann Neudörffer eröffnet. Während von auswärts die Schule gut besucht wurde, glänzte der Bezirk Reutlingen durch gänzliches Ausbleiben von Zöglingen, während doch gerade den Angehörigen dieses Bezirks es am leichtesten fallen musste, ihren Söhnen die Wohltat einer derartigen Schule zuteil werden zu lassen. „Wissen ist Macht“, dieser Spruch scheint leider noch nicht überall als richtig erkannt worden zu sein, doch ist zu hoffen und zu wünschen, dass es mit der Zeit in dieser Beziehung besser werde.

Schon seit dem Jahre 1872 beschäftigte man sich in den bürgerlichen Kollegien mit der Frage, wie am besten der Stadt gutes Trinkwasser verschafft werden könnte und einstimmig war man der Ansicht, den um das Wasserversorgungswesen, namentlich droben auf der Alb hochverdienten Herrn Oberbaurat von Ehmann in Stuttgart um sein Gutachten, Fertigung eines Planes und Aufstellung eines Kostenvoranschlags über eine neue Wasserleitung in hiesiger Stadt anzugehen, wobei als Spenderin des für Menschen und Tiere gleich unentbehrlichen Nasses die der Armenpflege gehörige Brunnenwiese ins Auge gefasst wurde, da erstens das Wasser ein sehr gutes ist, und zweitens jederzeit so reichlich fließt, dass zur Versorgung der Stadt, auch wenn sie sich in absehbarer Zeit gewaltig vergrößern sollte, diese Quelle vollständig genügte. Eine Infizierung (Verunreinigung, Vermischung mit schädlichen Stoffen) war dies schon bei verschiedenen Quellen in Folge der Nähe von Fabriken, chemischen Laboratorien usw. der Fall gewesen, war hier vorn vornherein ausgeschlossen, da das ganze umliegende 13 Mrg. (= Morgen, altes Ackermaß, 1 Mrg.=3152 m²) große Areal sich im Besitz der Armenpflege befindet; die Kosten freilich waren nicht unbeträchtliche, wenn der ganze Plan zur Ausführung kam, sie waren auf 199 000 fl. veranschlagt. Der Hauptstreit drehte sich um die Anlage eines Hochreservoirs, welches manche um deswillen für überflüssig hielten, weil ja der Stadtbach durch die meisten Straßen der Stadt fließe, und bei Brandfällen in wenigen Minuten Wasser genug zu Löschzwecken liefere, auch zum Waschen und Putzen liefere der „Bach“ Wasser in Hülle und Fülle, auf eine auch nur irgendwie nennenswerte Beteiligung werde bei der Einwohnerschaft kaum zu rechnen sein, von einer Rentabilität vollends nicht zu reden. Diesen Einwand zu widerlegen war für Herrn Oberbaurat Ehmann natürlich ein kleines, er wies auf Städte hin, wo man die gleichen Bedenken gehegt habe, in Städten, die lange nicht so groß wie Reutlingen; und bei weitem nicht so steuer- und kapitalkräftig seien, wie dieses, die aber den Sprung doch gewagt und es noch keinen einzigen Augenblick zu bereuen gehabt hätten. Von einem Notleiden des Wassers in einem Hochreservoir könne keine Rede sein, da das Wasser sich beständig in Bewegung befinde, ebenso wenig davon, dass das Wasser Grundwasser sei, denn während dieses bald steige, bald zurückgehe, bleibe die Quelle, um die es sich hier handle, beinahe beständig gleich, wodurch sich diese Quelle sehr vorteilhaft vor einer anderen, ebenfalls in Vorschlag gekommenen, auszeichne. Angenommen aber auch, das dort gewonnene Wasser wäre Grundwasser, so sei durch die chemische Untersuchung festgestellt, dass dort das Wasser durch die Erdgeschichten so gründlich filtriert sei, dass es gutem Quellwasser gleich komme. Echatz- oder Arbachwasser aber könne nicht mehr eindringen, sobald das Sammelbassin (= Sammelbecken) erstellt worden und zudem hätten die angestellten Proben dargetan, dass von der Echatz überhaupt kein Wasser zufließe, sondern dieses alles von der Achalm herkomme. Die Kosten für die Röhren, ob man nun Hochreservoir oder die Leitung ohne ein solches erstelle, seien so ziemlich ganz die gleichen, die Röhren müssten eben imstande sein, einen Druck von 12 Atmosphären auszuhalten. Wenn man das Hochreservoir ganz weglasse, so fallen damit auch die Kosten für die Pumpstation und die Hydranten weg, wodurch die Kosten der Wasserversorgung sich auf 66 000 fl. vermindern würden, während die Wiederherstellung der bisherigen Wasserleitung und nach dem System nicht viel weniger, mindestens aber 50 000 fl. betragen würde. Nach diesem Bericht berieten sich die bürgerlichen Kollegien noch mehrere Stunden über die Vorlage und kamen schließlich zu dem Beschlusse, den von der hiesigen Stadt bei der Ausführung zugrunde zu legen und vorerst nur das Sammelbassin, gusseiserne Röhrenfahrten im Quellengebiet, die Verteilungsleitung und das Straßenröhrennetz zur Ausführung zu bringen, dagegen die Anlage der Pumpstation, des Hochreservoirs und die Hydranten-Einrichtungen, welche einen Aufwand von 132 701 fl. erheischten (= beansprächen), vorläufig noch im Anstand zu lassen.

In dem benachbarten Tübingen brannte es auch einmal wieder, diesmal in der Nacht vom Samstag zum Sonntag und zwar an zwei verschiedenen Stadtteilen. Durch das anhaltende Bellen eines Hundes wurde die Nachbarschaft aufmerksam, dass nicht alles richtig sei und richtig zeigte sich in der Scheuer (= Scheune, Abstellraum) eines Schreiners heller Flammenschein; während ein Teil der Nachbarn, „Feuerjo“ rufend, die Feuerwehr und Bürgerschaft alarmierten, stießen die Übrigen das Scheunentor ein; in der Mitte der Scheuer brannten 4 Schäube Stroh bereits lichterloh. Es gelang den Beherzten mit allerlei in der Scheune aufbewahrten Werkzeugen das brennende Stroh auf die Straße zu schaffen, wo es da Wasser nicht zur Stelle war lustig weiterbrannte. Kurz besonnen hoben die Männer das Scheunentor aus, warfen es auf das brennende Stroh und erstickten auf diese Weise das Feuer auf der Straße, im Inneren der Scheune brannte bereits auch ein Balken und eine Treppe, die von der Tenne (= Eingang) auf den Barn führte, aber jetzt war auch endlich Wasser zur Stelle gebracht worden. Welches furchtbare Brandunglück in dem eng aneinander gebauten Stadtteile hätte entstehen können, lässt sich denken, zumal die Scheuer von unten bis oben mit Stroh, Garben (= Ballen) und Futter angefüllt war. Eine Stunde später ertönte das Feuerglöckchen auf dem Spital, diesmal brannte es in der Nähe der Gasthauses z. „König“, doch gelang es auch hier in Bälde des Feuers, das schon ganz lustig brannte, Herr zu werden. In der ganzen Stadt herrschte natürlich große Aufregung, weniger des entstandenen Schadens wegen, derselbe war nur ein geringer, aber die Unsicherheit und das Bewusstsein über Nacht durch einen Buben oder vielleicht eine ganze Rotte verworfener Menschen um Hab und Gut, Haus und Hof gebracht werden zu können, das lastete drückend auf allen Gemütern, zumal es den eifrigsten Nachforschungen nicht gelang, weder denjenigen der Polizei noch des Landjägerkorps (= württembergische Gendarmerie), eine Spur des Täters zu entdecken. Um Wiederholungen vorzubeugen, mussten von der Feuerwehr bis auf unbestimmte Zeit alle Nacht 30 Mann patrouillieren und der Bürgerschaft wurde zur Pflicht gemacht, nicht nur allabendlich ihre Hofräume, sondern auch Türen und [Fenster-]Läden sorgfältig zu verschließen. Dass man hier die Entwicklung dieser leidigen Dinge in der Nachbarschaft mit großer Teilnahme und Aufmerksamkeit verfolgt, lässt sich denken, hat doch Tübingen stets in guten Beziehungen zu Reutlingen gestanden und sorgfältig wird auf dem Tübinger Rathaus der silberne Pokal aufbewahrt, den die Reutlinger den Tübingern als Dank für deren rasche, tatkräftige Hilfe verehrten, welche sie bei dem in Reutlingen ausgebrochenen, gefährlichen Brand ihren Nachbarn gebracht.

Am 28. Nov. feierte der Sängerkranz sein 37. Jahresfest den Schwäb. Sängerbund bildeten, außer dem Sängerkranz waren anderen Stiftung des Bundes noch der Liederkranz und der Männergesangverein beteiligt.

Der bis auf den heutigen Tag immer noch blühende Schwindel mit der vergrabenen Kriegskasse wurde auch einem hiesigen Kaufmann gegenüber versucht. Es gelüstete denselben jedoch nicht, den Schatz zu heben, er zog es vielmehr vor, sein Geld in der Tasche zu behalten und den Brief zu verbrennen.

Der Gehilfe einer hiesigen Apotheke, welcher durch eine unglückselige Verwechslung zweier Arzneimittel den Tod eines hiesigen jungen Mannes herbeiführte, wurde von der Strafkammer in Tübingen zu der Gefängnisstrafe von 4 Monaten verurteilt.
Bezüglich der in Ausicht genommenen Erbauung einer Liederhalle wurde es, nachdem die Sache schon seit längerer Zeit eingeschlafen zu sein schien, mit einemmale wieder lebendig, von allen Seiten wurde die Notwendigkeit einer solchen betont und der Erfüllung dieses sehnlichen Wunsches stand nichts entgegen, als die leidige Frage: „Reicht der gesammelte Fons aus und wohin soll die Halle zu stehen kommen?“ Der Liederkranz ließ jedoch den Mut nicht sinken und hat ihn auch bis zum heutigen Tage nicht verloren. Gut Ding will lange Weile haben und schließlich kommt er doch, der Tag, da sich den Sängern die Tore des eigenen Heimes öffnen werden. Bis dahin entbietet der Chronikschreiber den Sängern ein „herzliches Glückauf!“

Bei der Benützung von Frachtbriefen wurde die Vorschrift erlassen, fortan bei der Gewichtsangabe anstelle von Zentner und Pfund, solche in Kilogramm auszufüllen. — Auch im Münzwesen geht es nun in raschem Tempo voran. Mit dem Schlag 12 Uhr der Sylvesternacht sind die Gulden aus der Liste der kursfähigen Münzen gestrichen und wandern wieder dem Schmelztiegel in der Kgl. Münze zu, um als Reichsgold, wie der Phönix aus der Asche, demnächst demselben wieder zu entsteigen. Viele Tränen sind ihnen nicht nachgeweint worden, denn Gulden und Taler haben jederzeit nur schlecht zusammengepasst, während sich Taler und Mark trefflich ergänzen. Zudem hat der Gulden im Zweimarkstücke einigermaßen seine Wiederaufstehung feiern dürfen. Sehr zu loben war, dass die Kgl. Münze bekannt gab, sie sei bereit, ältere ungangbare Gold- und Silbermünzen bis auf weiteres zum Metallwerte anzukaufen.

In Sachen der oft und viel angeregten Sonntagsfeier einigten sich 59 Geschäfts- und Ladeninhaber dahin, vom 1. Januar 1875 ab ihre Verkaufslokale am Sonntag nur von 11-2 Uhr geöffnet zu halten, während 9 Firmen bekannt gaben, dass sie den ganzen Sonntag ihre Lokale geschlossen halten würden. Damit war wenigstens ein Anfang gemacht und es stand zu hoffen, dass diesen Firmen, die mit gutem Beispiel vorangegangen, bald auch noch andere folgen würden. Es war auch eine Zeit lang der Fall, dann aber schlug jeder wieder seinen eigenen Weg ein, ließ Abmachung Abmachung sein und verkaufte ruhig weiter, bis schließlich das Gesetz über die Sonntagsruhe in dieser Angelegenheit Wandel schaffte.

Gedenken wir am Schlusse des Jahrgangs auch noch der Tätigkeit des Verschönerungsvereins, der sich um die Stadt und deren Ausschmückung bis auf den heutigen Tagen große Verdienste erworben hat. Zuvörderst beabsichtigte derselbe in diesem Jahre einen Promenadenweg vom Bahnhof bis zum Heilbrunnen zu erstellen, fand jedoch seitens der Eigentümer der zur Anlage des Weges nötigen Güter nur wenig Entgegenkommen, namentlich war es der Zinngießer Heyse, der Besitzer einer der größten dortigen Parzellen, welcher sich rundweg weigerte, zur Herstellung eines solchen Weges Terrain von seinem Grundeigentum abzutreten, und da auch der Gemeinderat - nach allem zu schließen - wenig Geneigtheit zeigte, von sich aus den Weg mit einem Beitrag des Verschönerungsvereins auszuführen, wodurch allein eine Expropriation auf gesetzlichem Wege hätte ermöglicht werden können, so musste der Gedanke, die Promenade bis zum Heilbrunnen zu verlängern, bis auf weiteres fallengelassen werden, dagegen wurden zur Römerschanze hinauf zwei Wegzeiger angebracht und diejenigen auf den Scheibengipfel renoviert. Am Wege auf die Achalm wurde vor dem Eingang in die königliche Meierei (= Milchverarbeitungsbetrieb) eine eiserne Bank angebracht, leider konnte aber die Absicht, zwischen der Meierei und der Spitze des Berges nochmals eine Bank anzubringen, wofür gewiss sehr viele Besucher der herrlichen Achalm dankbar gewesen wären, nicht verwirklicht werden, da das Hofkameralamt auf die diesfällige an dasselbe gerichtete Blatt erwidert hatte, „dass sie dem Gesuch um Erlaubnis zur Aufstellung einer solchen Bank auf königliches Privateigentum nicht zu entsprechen vermöge.“ - Ein hochbedauerlicher Bescheid.

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