Fritz Wandel

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[Bearbeiten] Wer war Fritz Wandel?

Von: P. Stary und H. Lange

In der Liste der Ehrenbürger sucht man ihn vergeblich, es gibt keine Ehrentafel und keine Straße ist nach ihm benannt. Dabei gehört er zu den wenigen politischen Persönlichkeiten der 30er und 40er Jahre, auf die Reutlingen wirklich stolz sein kann. Fritz Wandel, 1898 geboren, stammte aus Ebersbach an der Fils, seine Familie zog aber schon um 1900 nach Reutlingen. Er war das älteste von acht Kindern. Als sein Vater starb, war Fritz gerade 12 Jahre alt und musste schleunigst dazuverdienen,um die Familie über Wasser zu halten. Er ist unter anderem Tagelöhner bei der Firma Gustav Wagner ("am Buckel"). Während des ersten Weltkriegs wird er 1916 ins Heer des Kaiserreichs eingezogen und gerät in Kriegsgefangenschaft, aus der er 1919 nach Reutlingen zurückkehrt. Er arbeitet in der Maschinenfabrik zum Bruderhaus und heiratet 1923 Klara Wurster, mit der eine Wohnung in der Tübinger Straße 33 bezieht. Die Straße begann damals noch am heutigen "Oskar-Kalbfell-Platz" und mündete nach einem Bahnübergang am Westbahnhof in die Fortsetzung der gegenwärtigen Tübinger Straße.

[Bearbeiten] KPD - Gemeinderat

Seine Wohnung war in Höhe der AOK, dort wird er auch noch im Reutlinger Adressbuch von 1937 als "Bulldoggführer" aufgeführt, obwohl er sich da längst auf seinem "Weg durch die Hölle" der Konzentrationslager befindet. Fritz Wandel ist Mitglied der KPD, offensichtlich ist er trotz mangelnder Schulbildung intelligent und rhetorisch hoch begabt und vor allem politisch sehr engagiert. Er wird 1931 als Kommunist Mitglied im Reutlinger Gemeinderat. 1933 schlägt seine Sternstunde für die Geschichte der Region:

[Bearbeiten] Generalstreik in Mössingen

Die reaktionären Kräfte aus Politik und Wirtschaft hievten die NSDAP am 30. Januar an die Macht. Die Opposition im Reich war gespaltet und verharrte wie gelähmt. Einzig und alleine in der Kleinstadt Mössingen wurde zum Generalstreik aufgerufen und dieser auch durchgeführt. Der Reutlinger Fritz Wandel führte die Streikenden an und war deren Hauptredner: "Wenn die Hitler-Regierung am Ruder bleibe, gebe es wieder Krieg und da wolle er lieber auf der Straße verrecken", so wird er von einem Zeitzeugen wiedergegeben.[1] Der Streik blieb isoliert und wurde schnell zerschlagen. Wandel flüchtet. "Wo ist Stadtrat Wandel?" schrieb der GEA am 21. Februar, denn angeblich wurde er in Reutlingens Straßen gesehen.[2] Später druckte der GEA den amtlichen Polizeibericht:"Heute früh wurden 15 kommunistische Funktionäre verhaftet, darunter auch der kommunistische Stadtrat Fritz Wandel."[3] Ob Wandels Leidensweg im neu errichteten KZ-Heuberg bei Stetten am kalten Markt beginnt, wie der GEA 2003 schrieb[4], ist nicht ganz klar. Dort hätte er zumindest einige Bekannte getroffen. So ist der Reutlinger SPD-Fraktionsführer und spätere Oberbürgermeister Oskar Kalbfell einer der etwa 2000 Häftlinge. Auch Hans Freytag, GEA Mitherausgeber und Gründer der Fa.Packma ist dort als prominentes "Reichsbanner"[5]-Mitglied inhaftiert. Freytag hatte zuvor - offensichtlich vergebens - mit einer gehörigen Portion Opportunismus versucht, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen: Ihn bewegten "im tiefsten dieselben Gründe, die heute auch die nationalsozialistischen Führer bei ihrem Streben um Deutschlands Einigung bewegen, nämlich der Wunsch, die deutsche Arbeiterschaft von ihren klassenkämpferischen Zielen weg an den deutschen Staat heranzuführen." So schrieb er selbst im Generalanzeiger.[6]

[Bearbeiten] Die fürchterlichsten Wochen seines Lebens

Vermutlich wurde aber Wandel mit anderen "Landesfriedensbrechern" des Mössinger Aufstands gleich in Untersuchungshaft ins Reutlinger Amtsgefängnis gebracht[7]. Fritz Wandel wurde zu 4 1⁄2 Jahren Gefängnis verurteilt, die er in "strenger Einzelhaft" verbrachte, damit er "sein Gift nicht an die anderen Gefangenen weiter verbreiten könne". Nach Ablauf seiner Haftzeit wurde er in "Schutzhaft" genommen und in das KZ-Dachau gebracht. In seinem Büchlein "Ein Weg durch die Hölle" beschrieb er 1946 seine Erlebnisse, die er als die "fürchterlichsten Wochen seines Lebens" bezeichnete. Ein Kalenderblatt mit einem Shakespeare Zitat aus "Macbeth" verleiht ihm Mut: " So lang ist keine Nacht / dass ihr nicht doch zuletzt ein Tag erwacht." Am 15. März 1943 wird er überraschend entlassen. Er schreibt, er habe diese Entlassung einer kleinen "Oppositionsgruppe gegen die Nazis in Reutlingen, deren Angehörige teilweise Mitglied der NSDAP waren"[8] zu verdanken. Als er "in Reutlingen auf dem Bahnhof ankam, da fiel mir ein Soldat um den Hals und nannte mich Vater. Ein Mädchen, das so groß war wie der Soldat, begrüßte mich gleichfalls als Vater." Als er fortgeholt worden war, waren seine Kinder zehn und vier Jahre alt: "Ich hätte schreien mögen vor namenloser Seelenqual."

[Bearbeiten] "Ich habe besser gelogen als die Nazis"

Doch lange ist er nicht in Freiheit. Er wird zur Gestapo-Hauptstelle in Stuttgart beordert, man will ihn mit Geld und der Angst um seine Familie zu Spitzeldiensten locken. Er macht das Spiel scheinbar mit. "Ich habe gelogen, dass sich die Balken bogen ... ich glaube, dass ich damals besser gelogen habe als die Nazis." Das ging einige Wochen gut, doch dann sagt ihm die Gestapo: "Wenn wir aus Ihnen keinen Lumpen machen können, dann machen wir eben aus Ihnen einen Soldaten." Er wurde in das "Strafbataillon 999" gesteckt und gehört am Kriegsende zu den wenigen, die dieses Bataillon überlebten. 1945 wurde er unter seinem ehemaligen Mithäftling und jetzigen Oberbürgermeister Oskar Kalbfell dessen "3. Stellvertreter" und Leiter des Wohnungsamtes. Er wurde wieder Stadtrat der KPD und Vorsitzender der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes). 1948 trat Wandel krankheitshalber als Leiter des Wohnungsamts zurück. Er war danach bei der Friedhofsverwaltung beschäftigt. Seine Frau Klara betrieb eine Gastwirtschaft (In Laisen 50). Wandel starb 1956. Sein Büchlein "Ein Weg durch die Hölle – Dachau– wie es wirklich war" erschien mit einer Auflage von 10 000 im Verlag Oertel & Spörer. Wandel hatte zuvor mündlich, u.a. im November 1945 in der überfüllten Bundeshalle, mit seinem Bericht "erschütternde Reaktionen" ausgelöst, daraufhin erschien dieser in gedruckter Form. Das Buch ist in der Stadtbibliothek ausleihbar. Unverständlicherweise steht es dort nicht mehr in den Regalen zur Reutlinger Stadtgeschichte, es ist aber aus dem Magazin erhältlich.

[Bearbeiten] Fußnoten

[1] Reutlingen 1930-1950, Katalog zur Ausstellung 1995, S. 43

[2] Reutlinger Generalanzeiger, 21.02.1933

[3] Reutlinger Generalanzeiger, 11.03.1933

[4] Reutlinger Generalanzeiger, 22.03.2003

[5] „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ war eine SPD-dominierte Schutzorganisation gegen „Feinde der Republik“. Der Reutlinger Reichsbanner hatte zuvor auf Freytags Grundstück Schießübungen veranstaltet, was die Nazis H. Freytag anlasteten.

[6] Reutlinger Generalanzeiger, 20.03.1933

[7] Reutlinger Generalanzeiger, 21.03.1933

[8] F. Wandel: Ein Weg durch die Hölle, S.46

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