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Emil Bechtle

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[Bearbeiten] Antifaschismus und Frieden

Im Dezember 2008 wäre Emil Bechtle 100 Jahre alt geworden, viele ältere Reutlinger kennen ihn noch gut. Bis zu seiner Erkrankung Ende der 80er-Jahre war er bei politischen Veranstaltungen häufig präsent und beeindruckte Anhänger und Gegner gleichermaßen mit ruhigen, wohl überlegten und klar strukturierten Beiträgen. Er lebte auch in Reutlingen. Seine Geschichte und die seiner Familie sind untrennbar mit Widerstand gegen den Nazi-Faschismus und gegen die Wiederbewaffnung der Nachkriegszeit verbunden. Am 10. Oktober 1954 war er der Kandidat der KPD bei der Oberbürgermeisterwahl in Reutlingen.

Am 22. Dezember 1908 wurde er als fünftes von sieben Kindern in Löchgau (Kreis Ludwigsburg) geboren. Sein Vater Wilhelm, Inhaber eines Kolonialwarenladens, war Sozialdemokrat und entschiedener Kriegsgegner. Als er sich gegen den König von Württemberg äußerte, wurde er 1912 wegen Majestätsbeleidigung verurteilt. Er wurde zum Kriegsdienst im 1. Weltkrieg gezwungen, erkrankte dort schwer und starb 1918 an den Folgen dieser Krankheit. Seine Frau Luise führte den Laden weiter. Emil erlernte den Kaufmannsberuf und wurde mit 16 Jahren Mitglied des kommunistischen Jugendverbands.

Die 20er-Jahre waren prägend für seinen politischen Werdegang, er erlebte Aufmärsche der faschistischen Horden und engagierte sich beim "Volksbegehren gegen die Fürstenabfindung", das die KPD initiierte. Und er erlebte in Berlin 1929 den „Blutmai“: Der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgibel hatte zum 1. Mai ein Demonstrationsverbot verhängt und ließ auf alles schießen, was sich auf der Straße bewegte: 33 Tote - Demonstranten und Unbeteilgte - lagen schließlich auf den Straßen Berlins.

Kurz nach der sogenannten "Machtergreifung", der Einsetzung des Hitlerfaschismus im Januar 1933, wurden seine drei Brüder Wilhelm, Reinhold und August in das Konzentrationslager Heuberg verschleppt. Emil arbeitete gerade in Berlin und entkam zu diesem Zeitpunkt den Nazi-Schergen. Für alle vier Brüder begann damit ein Leidensweg durch Zuchthäuser, Konzentrationslager und erzwungenen Kriegsdienst. Die Mutter und seine drei Schwestern Mathilde, Luise und Hermine wurden mit Hausdurchsuchungen schikaniert. Auch Emil wurde verhaftet und zunächst vier Monate festgehalten, dann aber nach Intervention des ihm wohlgesonnenen Chefs seiner Firma an den Bodensee versetzt. Dort lernte er seine spätere Frau Franziska Baumann kennen. Sie heirateten im Oktober 1935, kurz nachdem im September die "Nürnberger Rassengesetze" verkündet wurden. Diese betrafen die Ehe Emils mit Franziska, einer sogenannten "Halbjüdin". Ihnen wurde die Auflösung der Ehe nahegelegt, Emil dachte nicht daran.

Zu dieser Zeit war er als Vertreter für die Fa. Maggi GmbH tätig und somit der einzige der Bechtle-Brüder, der noch in Freiheit war und Geld verdiente. Allerdings verlor er mit Kriegsbeginn 1939 seine Arbeit und wurde zur Wehrmacht eingezogen. Im Jahr davor musste er den Leichnam seines Bruders Reinhold vor den Toren des KZ Welzheim abholen: mit einer Handkarre, weil der KZ Kommandant die Abholung mit einem Kfz verboten hatte.

Reinhold war zuvor Kopf einer Widerstandsgruppe, die einen illegalen Weg in die Schweiz organisiert hatte: In die eine Richtung wurden Menschen geschleust, die aus rassistischen oder politischen Gründen fliehen mussten, zurück kamen Flugblätter gegen den Faschismus, verfasst von den Exilgruppen des Widerstands. Ein jüdisches Ehepaar wurde auf der Flucht gefasst und gab der Gestapo unter Folterungen den Namen ihres Fluchthelfers, Reinhold Bechtle, preis: das Todesurteil für Emils Bruder.

[Bearbeiten] Nach 1945

Nach 1945 lebte Emil in Reutlingen und engagierte sich gegen die Remilitarisierung in der BRD. Die Adenauer-Regierung drängte auf Wiederaufrüstung, in der Bevölkerung gab es aber starke Widerstände dagegen. So berichtet der Reutlinger General-Anzeiger von einer Umfrage unter 1000 Bürgern, von denen sich 91% gegen die Remilitarisierung aussprachen.

Emil Bechtle hatte eine leitende Funktion im „Hauptausschuss Volksbefragung gegen die Remilitarisierung“ und wurde dafür vom Bundesgerichtshof in Karlsruhe wegen "Hochverrats" angeklagt und 1954 zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Nur wenige Jahre nach Ende des Faschismus sah sich Emil Bechtle in der Bundesrepublik des Kanzlers Adenauer einer Rechtssprechung ausgesetzt, die sich in der Tradition des "Dritten Reiches" bewegte. Emil vor dem politischen Sondergericht am Bundesgerichtshof: "Wenn ich ins Gefängnis gehen muss, dann muß ich sagen, das ich dies erhobenen Hauptes tun werde. Weder meinem Volk, noch meiner Partei, noch meiner Familie werde ich Scham bereiten. Lieber will ich ins Gefängnis, als dass Deutschlands Jugend und mein eigener Sohn jemals aufs Schlachtfeld muss."[1]

In dieser Zeit trat er in Reutlingen bei der OB-Wahl als Kandidat für die KPD an. Die Reutlinger KPD hatte zuvor dem amtierenden Oberbürgermeister Kalbfell eine Aussprache angeboten, die dieser "in letzter Minute" abgesagt hatte. Ziel des Gesprächs sollte ein "einheitliches Handeln" der Arbeitenden sein. Kein abwegiger Gedanke zu jener Zeit, war doch Kalbfell 1933 im KZ Heuberg ein Haftgenosse der Bechtle Brüder, und der spätere SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher hatte als Häftling gegenüber Wilhelm Bechtle im KZ Oberer Kuhberg (Ulm) nach dessen Ausage geäußert: "Willi, wenn wir hier rauskommen, können SPD und KPD nur gemeinsam arbeiten." Doch Emil Bechtle wurde die Kandidatur zur Oberbürgermeisterwahl verweigert - ausgerechnet mit dem Hinweis auf seine Verurteilung. Der "Kalte Krieg" war im Gange und aus der verbündeten Sowjetunion war der Hauptfeind geworden. Die Lehren aus der gemeinsamen Zeit in den Konzentartionslagern waren jetzt auch für OB Kalbfell Schnee von gestern und so betätigte er sich vor Ort als Handlanger des berüchtigten US-Senators McCarthy. Trotzdem rief die Reutlinger KPD zur - ungültigen - Stimmabgabe für Emil Bechtle auf: "Der vom Gemeindewahlausschuss für die Kandidatur abgelehnte Kommunist Emil Bechtle erhielt 211 Stimmen"[2], meldete der Generalanzeiger.

Emil entzog sich der drohenden "Hochverrats"-Verhaftung und lebte elf Jahre lang "in der Illegalität", wie das zur Zeit des KPD-Verbots von 1956 an hieß. Er wurde erst im Juni 1964 festgenommen und zur Strafverbüßung nach Bonn und Karlsruhe-Durlach gebracht. Zu dieser Zeit lag seine Frau Franziska todkrank im Reutlinger Krankenhaus. Emil wurde ein Besuch bei seiner Frau verwehrt. Erst als sie gestorben war, durfte er für zwei Stunden an der Beerdigung teilnehmen – in Handschellen und bewacht von zwei Kriminalbeamten.

In den 70er Jahren lebte Emil mit seiner zweiten Frau Julie in der Danziger Straße im Wohngebiet Römerschanze. Er war Kreisvorsitzender der neugegründeten DKP (Deutsche Kommunistische Partei), welche in diesen Jahren in Folge der 68-er Studentenbewegung einen großen Zulauf junger Menschen verzeichnen konnte. Für viele dieser Jugendlichen war Emil ein Vorbild und eine Gallionsfigur, umgeben von einem geheimnisvollen Flair. Er erzählte selten und wenig von sich und seiner Familie und so rankten oft bunte Legenden um seine Person, was ihm in seiner bescheidenen Art eher widerstrebte: "Ich war nicht so bedeutend!" sagte er oft. Aber auch die Jahre der Illegalität im Faschismus und in der Adenauer-Ära hatten sein Verhalten nachhaltig geprägt. Über seine persönliche Aufarbeitung der stalinistischen Vergangenheit seiner Partei, der KPD, sprach Emil kaum. Seine Sicht auf die DDR und die Sowjetunion war von unverbrüchlicher Solidarität geprägt, aber sicher nicht kritiklos. Doch auch darüber verlor Emil Bechtle kaum ein Wort, auch nicht gegenüber seinen Genossen. Den Untergang des "realen Sozialismus" hat Emil nicht mehr bewusst erlebt: Er starb am 10. Februar 1990 nach mehrjähriger Krankheit im Reutlinger Bürgerspital.

[Bearbeiten] Fußnoten

[1] Schwäbisches Tagblatt, 21.12.1988

[2] Reutlinger Generalanzeiger, 11.10.1954

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